Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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236. Brunneninodelt von Jakob Ejofmann, München.

lKrunnenwetkKewerö für (AnsKach.

icht nur die großen, sondern auch
die kleinen Städte entfalten in
neuerer Zeit einen wahren Wett-
eifer, sich zu schmücken. Altes,
aus der Vergangenheit Über-
liefertes sucht man zu erhalten
und an geeigneter Stelle Neues und Schönes hinzu-
zufügen. Allerorten ist von Heimat- und Volks-
kunst die Rede. Die Bürger sehen ihren Stolz darin,
ihrer Geburtsstadt soviel als möglich von den Seg-
nungen einer künstlerisch angeregten Zeit zukommen
zu lassen. Die Aufgabe ist oft keine leichte und gar
vieles dabei zu beachten. Eine Stadt ist als ein
organisches Gebilde, ein historisch Gewordenes zu
betrachten und zugleich als etwas, das in steter
lebendiger Fortentwicklung begriffen ist Der ästhe-
tische Eindruck wird bedingt durch den organischen
Charakter des Stadtbildes. Ulaß, Verhältnis, Ord-
nung soll walten. Nichts soll störend in diesen wohl-
geordneten Organismus eingreifen. Ulerkwürdig, die
alten Städte, mit scheinbar zufällig durcheinander-
gewürfelten Gebäuden, kruinmen Gassen, unregel-
mäßigen Plätzen, muten uns als durchaus harmo-
nische Gebilde an. Sie erscheinen als etwas natür-
lich Gewordenes und Entstandenes und haben alle
eine großartige dekorative Wirkung. Es
ist die vornehmste Pflicht solcher Stadtverwaltungen,
diesen lokalen Charakter festzuhalten, und wenn
Neues dazu fommt, so soll es diesen Charakter wider-
spiegeln. Aufgabe der Aünstler ist es, dis Form
für das Neue zu finden, in der die vollständige
Übereinstimmung und parmonie mit der lokalen
Umgebung herrscht.

Dies war auch die Aufgabe bei der unläugst
abgelaufenen Aonkurrenz für ein Brunnendenkmal
in Ansbach, das zur Erinnerung an die jetzt hundert-
jährige Zugehörigkeit der Stadt zu Bayern errichtet
werden soll.

Die überaus reizvolle Stadt Ansbach zeigt in
ihrem Äußern noch das Gepräge einer alten künst-
lerischen Aultur, wie sie in solchen kleinen früheren
Residenzen nicht selten anzutreffen ist. Es liegt noch
ein Schimmer vergangener glänzender Tage darüber,
eine gewisse Stimmung mit bestimmter historischer
Färbung. Das, was wir Zeitstil nennen, ist in
Ansbach das Barock und Rokoko. Die bürgerlichen
Bauten zeigen vor allein einen dem deutschen Alein-
stadtleben angepaßten französischen Villenstil. Wir
sehen päuser mit den bekannten steilen Dächern und
offenen Dachluken, fast versteckt hinter ihren Vor-
gärten liegen. Das reizvollste aber sind eine Reihe
palastartiger Repräsentationsbauten: das herrliche

237. Präsidialgebäude in Ansbach, vom Schloßportal aus
gesehen.

Aunst und Handwerk. 56. Iahrg, Heft 5.

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