Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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\. Zierleiste von Mtto Mbermeier, Zürich.

(Der neue lKodenseedampfer
„Mndau".

(hierzu die Abbildungen 2 — 6.)

er anläßlich der Düsseldorfer Aus-
stellung im Zahre l902 die drei
großen Gruppen des gebotenen
Stoffes: Alte Kunst, neue Kunst,
Industrie eingehender Würdigung
unterzog, mußte die Bemerkung
machen, daß die riesigen Schöpfungen der letzt-
genannten den Löwenanteil des allgemeinen Interesses
erwarben. Jtt &er ersten lagen wahre Schätze auf-
gespeichert, Werke aus Zeiten künstlerischer Durch-
drungenheit, durch Jahrhunderte in immer fort-
schreitendem Rlaße weiter entwickelt, Zeugnis dafür
ablegend, von welcher Bedeutung die Raffe-Rein-
erhaltung großer, dicht besiedelter Kultnrgebiete für
den künstlerischen Ausdruck fei. Sie war prächtig,
diese Sammlung von Werken aller Techniken, die
unsere Zeit zuni Teil entweder gar nicht mehr übt
oder, beeinflußt durch eine wesentlich verschiedene
Lebensgebahrung, in künstlerisch weniger hochstehen-
der Weise sortleben sieht. — Die vielen Säle der
neuen Kunst, tagaus tagein durchflutet von einem
fl)ublikum, das unterhalten fein will, ja, sie war
eben auch so ein Anternehmen, in dem, gegensätzlich
zur Gruppe der alten Kunst, die moderne Zusammen-
hangslosigkeit der verschiedenen Gebiete künstlerischen
Schaffens recht deutlich zum Ausdruck kam. Wenn
die Arbeit des Künstlers zum Handelsartikel wird,
dessen Absatz durch kleinere oder größere Schau-
stellungen sich vollziehen soll, so kann auf der Stirn
solcher Unternehmungen jene künstlerische Reinheit
nicht ausgesprochen sein, die einzig und allein von
wahrem ethischen Werte ist. Der Händler kaust und >

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verkauft Kunstwerke genau so, wie ein anderer alte
oder neue khosen verkauft. Um das innerliche Wesen
der Kunst schert er sich wenig. Fragt matt aber,
wie hoch die Kunst zu bewertet: sei, die für diesen
Uäarkt produziert, so ergibt sich das Resultat ohne
große Schwierigkeiten —. Klingers Beethoven stand
dort in Düsseldorf in einer fremden Welt: Biel Ge-
räusch um ihn her, freilich keine symphonischen
Weihegesänge. Die überall nachbarliche Goldrahmen-
knnst beeinträchtigte seine Größe zwar nicht, eine
Dissonanz lag aber doch in dem geordneten Durch-
einander von künstlerischen Werten der verschie-
densten Art, wie sie in jeder Ausstellung zutage
tritt, die von Tausenden besucht wird, Ellbogen an
Ellbogen sich drängend, eines den: anderen Feind,
Nebenbuhler, Konkurrent, alle mit den: Zweck her-
gestellt: ich will, ich muff ausfallen! Um wieviel
weihevoller war die Art, wie das herrliche Werk
Klingers in: Gebäude der Wiener Sezession auf-
gestellt war! Die kleit:e Künstlergruppe in der Kaiser-
stadt an der Donau bezeugte innerliche Achtung vor
künstlerischer Bedeutung. Tinei: Ruhepunkt bildete
ii: jener :t:oder::et: Düsseldorfer Ausstellung das Keine
Gemach eines Wiener Künstlers — den Namen weiß
ich nicht mehr — wo inmitten seingestimmter Wäi:de
und ausgesucht schöner Uiöbel ein erzenes Vrünnlein
stand, über dessen von weiblichen Figuren getragenes
Becken langsam Tropf um Tropf niederflel, jedes
Ausfallen ein leiser Ton, jedes Anffallet: eine leise
Bewegung des feuchten Elements in den Schalen
aus edlen: Ukaterial. Das war feit: erdacht, es
atmete träumerische Stimmung, aber es gehörte in
die weltabgeschiedenen Gemächer eines Palastes, in
den: fein Geplauder neugieriger Ulenschen laut wird,
in einen Raun:, wo das niederträufelnde Wasser
Abschnitte der langsatt: fliehenden Zeit in zitterigem
Tone leise markiert, nicht aus eilten Jahrmarkt.

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Kunft und pundrverk. 56. Iahrg. Heft
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