Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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Der Maximiliansplatz-lvettbewerb.

52^. Modell von Fritz B e h n.

Praktische MöKet.

er Ruf nach mehr Praxis im kunstgewerb-
lichen schaffen ist nicht mehr neu. Aller-
dings scheint es, als fei recht vieles, das
da vorgebracht worden, selber etwas un-
praktisch. Wohl eine der praktischsten
Auseinandersetzungen über diese bereits begonnene und
doch noch nicht genügend weitergeführte Richtung im
gegenwärtigen Aunstgewerbe war der Aufsatz von
Joseph August Lux: „Vom praktischen Möbel", den
vor kurzem die „Werkkunst" (Berlin) gebracht hat.
Schreiber dieser Zeilen findet in den genannten Aus-
führungen so vieles, das er bereits selber an mehreren
Stellen vertreten hat, findet es zum Teil bester gesagt,
als es ihm selber möglich gewesen, und findet doch
wieder nicht alles auf den besten Treffer hin gesagt,
daß ihm ein Verweilen dabei vergönnt sein mag,
auch wenn er es vermeidet, mit Anführungen von
Zitaten aus eigenen Aufsätzen den Leser gleichsam
totzuschlagen.

Die Ausführungen von Lux beginnen richtiger-
weise mit der Alage, daß das folgende eigentlich
Gemeingut sein sollte, es aber doch nicht ist. Elemen-
tare Unverständnisse über Wohnungseinrichtung ver-
derben selbst die gute Wirkung des richtigen Vor-
gehens von Aünstlern. Man ahmt sie nach, statt
von ihnen zu lernen. Und nun stellt der Verfasser
einen Gedanken voran, der uns hier entscheidend zu
sein scheint. Ts ist dies der persönliche Bedarf des
Bestellers, das genaue Eingehen auf jenen Bedarf,
uud die Erreichung dieses Zieles durch „Maßnehmen",
„Anmessen". Es fei beim Tischler nicht anders
als beim Schneider. Insbesondere ein Möbel
wie der Schreibtisch müsse „buchstäblich ange-
messen" sein.

Gerade bei diesem Punkte möchte der Referent
besonders gerne verweilen, wenn er in irgend einer
Behausung arbeiten soll, so findet er manchmal einen
recht „schönen" Schreibtisch vor, der zu allem eher
dienen kann, als daß ein Schreibmensch imstande ist,
aus ihm zu schreiben. In solchen Fällen versuche
ich es so einzurichten, daß der sog. Schreibtisch weg-
kommt, und daß mir statt seiner ein ganz gemeiner
sog. Aüchentisch hingestellt wird, der vor allem die
zwei hauptsächlichsten Vorzüge hat: erstens groß zu
fein und zweitens eine Fläche darzubieten, die von
keinen Galerien, Aufsätzchen, und was es sonst an der-
artigem gibt, das seinen beabsichtigten Zweck doch nicht
erfüllt, unterbrochen wird. Möglich, daß manche Per-
sonen mit jenen professionellen „Schreibtischen" trotzdem
bequem auskommen, vielleicht dann, wenn sie ledig-
lich etwas wie einen Liebesbrief zu schreiben haben.
Demgegenüber sagt nun unser Autor mit allem
Rechte: „Der Schreibtisch einer Dame, die gelegentlich
ein Billet, der Schreibtisch eines Aaufmanns, der
Rechnungen schreibt, und der Schreibtisch eines Schrift-
stellers sind von Natur aus wesentlich verschieden."
Doch nicht nur den verschiedenen Typus will der
Autor berücksichtigt wissen, sondern auch das ver-
schiedene Individuum.

525. Modell von Fritz Behn (zu Abb. 524 gehörig).

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