Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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Die Freie Vereinigung Münchener Annststudierender.

_GToBLtlV.oi.

532. Tischkarte von Georg To bl er, München.

Natürlich wird man nicht wieder zuerst das Orna-
ment und dann die Konstruktion machen, solange
noch der Kunde oder die Kundin oder vielleicht gar
eine sie vertretende „MölM-Probiermamsell" ihre
Funktion nicht erfüllt haben, schweigt das Ornament
mit Recht. Es wartet darauf, was es zu tun bekommt.
Dort, wo etwaige niedrige Pfosten in ein langes ^uer-
stück übergehen, wird es sich anders gestalten als
dort, wo hohe Träger ein kurzes Querftücf stützen.
Eine schräge Lehne werden sie anders zieren als eine
steile u. dgl. m.

Vergessen dürfen wir allerdings nicht, daß das
Möbel in ähnlicher Weise zum Zimmer stimmen
muß, wie es zum Menschen zu stimmen hat. Nun
möchten wir heute den angefangenen Gedankengang
nicht damit beschweren, daß wir von einem groß
angelegten Möbelgeschäfte sogar verstellbare Modell-
zimmer verlangen, in denen die variabeln Möbel
ausprobiert werden. Sind wir einmal bis zu diesen
gekommen, so wird es auch weiter gehen.

An: wenigsten aber wird die Sache dann weiter
gehen, wenn das Publikum uicht abläßt, fein Inter-
esse auf abgeschlossene fertige Interieurs zu konzen-
trieren. Schreiber dieses würde auf feine Klagen
über „Interieur-Konfektion" („Deutsche Tapezierer-
Zeitung" K und s5. Januar O06, 2H>. Jahrgang,
peft \ und 2) nicht wieder zurückkommen, fände er
nicht auf Schritt und Tritt diese Ertötung der Kunst-
praxis durch eine Gefchäftspraris. In einem unserer
verbreitetsten Tagesblätter war vor kurzem „Ein
gelöstes Problem in der deutschen Möbelindustrie"
zu sehen. D. h.: um M. s5ß0 oder H750 eine
Wohnung einschließlich Vorhänge, „frachtfrei durch
ganz Deutschland und ohne Berechnung der Ver-
packung". Noch dazu „künstlerisch"!

Dr. pans Schmidkunz
(Berlin-kfalensee.)

(Die Lreie (Vereinigung
Münchener (AunMudierender.

ie viele Worte sind in den beiden letzten
Dezennien verschwendet worden, um
Kunst in unser Leben zu tragen, wie-
viel ist geredet und geschrieben worden,
um durch die Kunst unsere Sinne zu
verfeinern, den Lebensgenuß zu steigern und das
kulturelle Niveau des ganzen Volkes zu heben. Un-
übersehbar ist der Ninfang dieser Agitation. Oft
will es uns dünken, es sind genug der Worte; es
ist genug geredet und geschrieben worden; denn es
ist ja wahr, wir sind in den letzten zwanzig Jahren
um ein beträchtliches Stück vorwärts gekommen. Die
Kunst steht bei uns in hohem Ansehen. Es gehört
heutzutage durchaus zuin guten Ton, in einer Gesell-
schaft hin und wieder wenigstens das Gespräch auf
künstlerische Fragen zu lenken; es gehört zum guten
Ton, die klangvollsten Namen des Kunstlebens zu
kennen, und es gehört zum guten Ton, in den Muße-
stunden eine Kunstausstellung zu besuchen, in einem
Bilderatlas zu blättern und an den Wänden seiner
Zimmer gute Reproduktionen bedeutender Meister-
werke hängen zu haben. Aber ist das wirklich alles,

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