Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

Page: 33
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1905_1906/0048
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
58. Treppenpodest. Entwurf von jöaul T Kiers ch und lvilh. Aöppen. Marmorvcrkleidung (Bardiglio und p>aonazzo) von
Eder 6c Grohmann; Mosaiken von S. Th. Haueifer, Solln; tvandbrunnen von Zimmermann 6c To.; Vorhang von

den „Verein. Merkst, s. K. i. ß.".1)

Schritt wachsende Seele unfähig ist zu bewältigen.
Die rasenden Fortschritte der Wissenschaften, der In-
dustrie und des Verkehrs übersteigen unsere Hassungs-
und Gestaltungskraft. Da wir der rauhen, maschinen-
donnernden Wirklichkeit gegenüber inachtlos waren,
floh das Bedürfnis nach Harmonie und Verfeinerung
zu einer Kunst, die, fern vom Leben, in Ausstellungen
und Amseen mit raffiniertesten AAtteln aufgezüchtet
wurde: Die letzten Iahrzente des s9- Jahrhunderts
bedeuteten die Blütezeit der Ausstellungs - und
Alufeumskunst!

Aber man merkte doch bald, daß dies keine
Lösung, sondern nur eine Umgehung des jDroblems
war. Der Zwiespalt im modernen Leben wurde da-
durch nur noch peinlicher. And jetzt wissen wir, daß
die Auseinandersetzung nicht mehr zu vermeiden ist.
Die Aunst kann sich ihrer Aufgabe, für das Leben
des Volkes das gestaltende, das harmonisierende
Hormprinzip zu sein, nicht länger feige entziehen.

So machte man denn einen ersten Versuch mit
der Reform unserer häuslichen Umgebung. Die
freie Aunst war nicht auszurütteln aus ihrem trägen,

Technik und (Ästhetik.

n dem schmerzenreichen Ringen um
eine neue 'Kultur, von dem die
Gegenwart die Wundmale aus
der Stirne trägt, ward eine här-
teste, doch auch bedeutungsvollste
Aampfespflicht dem Aunstgewerbe.
Es find nicht ephemere Streitigkeiten um oberfläch-
liche Aäodefragen, die da ausgetragen werden; tiefere,
gewichtigere Interessen stehen auf dem Spiel, Interessen,
die das Ganze des Volkstums umfassen und die ent-
scheiden werden über die Zukunft seiner Kultur.
Denn zweifelsohne existiert eine moderne Kultur noch
nicht. Unsere Zeit ist von Unklarheiten und Gegen-
sätzen zerrissen, unser Leben zerflattert und reibt sich
auf in dem betäubenden Lsin und bser, in dem
hastenden Übermaß von materiellen Errungenschaften,
von Neuem und Kühnem, das die nicht in gleichem

9 Die Abb. 58 — ; ;8 sind der „Ausstellung für angewandte
Aunst" entnommen und gehören zu dem S. qo beginnenden
Tchluß des Ausstellnngsberichts.

Aunst und pandwerk. 56. gahrg. peft 2.

33
loading ...