Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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55H.

Fries; vor:

Franz Kozics (f).

(Des stLunsthandwcrße sunzc
(Mannschaft.

10. Max Pfeiffer?)

n allem, was über Kurt ft und Kunst-
gewerbe unserer Zeit geschrieben wird,
kehrt vielleicht kein Mort häufiger wieder
als das Mort Natur. Öfter ausge-
sprochen als bedacht, von jedem Künst-
ler, von jedem Kritiker mit neuem Inhalt belastet,
geht dieses Mort durch Ateliergespräche, Apologien
und Rezensionen hindurch. And mit wachsendem
Gebrauche scheint es an Dunkelheit eher zu gewinnen
als zu verlieren. Dazu kommt, daß dieser Begriff
nicht nur der Ausdrucksweise der Kunst angehört,
sondern außerdem noch in einer Reihe anderer Geistes-
disziplinen eine achtunggebietende Rolle spielt, so vor
allem in den Missenschaften, die von ihm den Namen
tragen, ferner in Philosophie, Kulturgeschichte und
nicht zuletzt in der Theologie, die zwischen Gott und
die Natur das trennende Schwert der Sünde legt.
Man darf daher kaum fragen: Mas ist Natur?,
ohne mit dieser Frage zugleich auszusprechen, daß
die Antwort Fragment bleiben werde. Man wird
höchstens fragen können, was „Natur" für den
Künstler bedeutet, und wird auch dabei gut tun, nur
den bildenden Künstler in Betracht zu ziehen.
Auch bei dieser doppelten Einschränkung werden fich
der Beantwortung noch Schwierigkeiten genug in den
Meg stellen. Mir werden sie hier zu umgehen suchen.
— Natur ist zunächst für den Künstler zweifellos
alles, was sinnlich vorhanden und nicht Kunstwerk
ist?) Demnach also bedeutet Natur für den bildenden

*) vgl. Sahrg. zyoo: S. 30 und 20t; fyOf: 5. 22, 27
und 20t; 1902: 43, )28, t30, 220.

2) Mit dieser Abgrenzung deckt sich die ästhetische Kategorie
„das Naturschöue" oder „das Naturästhetische" nicht. Denn
da die Begriffe schön oder ästhetisch allen Künsten zugehören,
zählen zum Naturästhetischen zweifellos auch solche Dinge, die
sinnlich nicht unmittelbar vorhanden, und solche, die man
sonst zu den Kunstwerken rechnet. (Aum. d. v.)

Künstler lediglich eine Sammlung von Objekten?
Nein, sie bedeutet ihm mehr. Er kann die Objekte
nicht anschauen, ohne sich zugleich die schaffende
Kraft zu denken, die sie erzeugte. Aus den ästhe-
tischen Mirkungen dieser Objekte, die sein Bewußt-
sein verzeichnet, erschafft er rückwärts ein Bewußt-
sein, in welchem diese ästhetischen Mirkungen als
Ziel bereits vorhanden waren, ehe das Objekt be-
stand. Er schenkt der Natur Seele, um Seele von
ihr ernten zu können. Er macht die Natur zur
Künstlerin, zur Lehrmeisterin, zur Anregerin. In
dieser Funktion liefert sie ihm nicht nur ästhetisch
wirksame Objekte, sondern auch Normen, die das
Studium an denselben erst in die richtigen Bahnen
lenken.

Dies ist etwa der Begriff, den das Mort Natur
bei Max Pfeiffer, dem Bildhauer, Kunstgewerbler,
Maler und Innenarchitekten, gewinnt. Zur Natur
strebt der Mensch zurück, wenn die Traditionen ver-
sagen, wenn der Überlieferung der belebende Mahr-
heitsgehalt abhanden gekommen ist. Natur, dieses
übermenschliche, aber aus allzumenschliche Meije zu-
stande gekommene Bewußtsein, sie ist das reforma-
torische Prinzip. And da heute noch, trotz alles
bereits geschehenen Niederreißens und Ausbauens,
jeder Künstler seine Spezialrevolution braucht, wird
auch bei Max pseiffer von der Natur in diesem
Sinne die Rede sein müssen. Übrigens ist bei ihm,
wie bei vielen anderen, Natur säst identisch mit dein
Begriff des Organischen. Dieser Begriff ist zweifel-
los die wertvollste Frucht, welche der Schüler aus der
Beschäftigung mit der Natur davon trägt. And bei
pseiffer lernen wir den Begriff des Organischen
kennen als den Begriff der M ate ri a l g er e ch ti g-
keit. Davon wird später die Rede sein.

Sein besonders inniges Verhältnis zur Natur
hat pseiffer aus doppeltem Mege gewonnen. Als
ehemaliger Forstmann hat er Gebirg, Mald und
Feld nicht nur mit den Augen des Künstlers, sondern
auch mit den Augen des Naturwissenschaftlers an-
schauen gelernt. Als dann der Künstler den Forst-
mann vertrieb, holte er sich seine erste künstlerische

Kunst und Handwerk. 56. gahrg. Heft 9-

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