Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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\22. Heinrich N) adere; Grabmal Brandt.

Neuere (Münchener (Lrakmäker.)

(Von Äkexanöcr Heikmexer.

ie antike Aunst bildete den Tod als
einen schönen Jüngling, Für die
antike Menschheit hatte der Tod
nichts schreckhaftes und Grausiges,
sie schmückte ihm Grabstätten und
Denkmale, als gehörten die Toten
noch dem Leben an. Die christliche Weltanschauung
hat nicht mehr diesen Zug zum Lebensvollen, wie ihn
die antike Aunst selbst in ihren Totennmlen aus-
prägt. Zn den mittelalterlichen Darstellungen er-
scheint der Tod als grausiges Gerippe mit Zeuse und
Stundenglas; er wird als Würger und Schlächter
der Menschheit abgebildet. Trotzdem hat sich im

i) Das Material für diese Abhandlung stammt größten-
teils von den Münchener Friedhöfen, ist aber ergänzt durch
einige von Münchener Künstlern für auswärts geschaffene werke.
Eine Drtsangabe ist nur hinzugefügt, wenn München nicht in
Betracht kommt. Die Schriftleitung.

Wandel der Zeiten eine künstlerische Auffassung ent-
wickelt, die in der Form immer wieder den Gedanken
durchdrückt, Leben und Tod miteinander ausznsöhnen.
Don dieser Zdee ausgehend hat nun die Aunst einer-
seits die religiöse Grundstimmung des Totenkults
aufgegriffen, anderseits den individuellen menschlichen
Bedürfnissen gedient und eine Formensprache ge-
schaffen, die aus unseren Friedhöfen einen oft er-
hebenden, weihevollen Ausdruck gefunden hat; aber
nach und nach hat die einst bedeutungsvolle originelle
Aunst der Friedhöfe ihren ursprünglichen Tharakter
eingebüßt und ist, lange Zeit nur Handwerkern über-
lassen, in ihren Ausdruckssormen roh und konven-
tionell geworden. Außere Derhältnisse kamen dazu,
diesen Niedergang zu beschleunigen. Die alten uns
so traulich anmutenden Gottesäcker, früher mitten in
den Städten auf dem Airchplatz gelegen, mußten in-
folge des riesigen Anwachsens der städtischen Bevöl-
kerung vor die Stadt hinaus verlegt werden. An
Stelle des Airchhofs trat der Aomnmnalfriedhof. Der
Friedhof von heute ist eine staatlich beaufsichtigte
hygienische Einrichtung nach Maßgabe einer rentier-

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Kun|5 und handeivrk. 56. Iahrg. Heft 3.

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