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Belvedere: Monatsschrift für Sammler und Kunstfreunde — 1.1922

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Meder, Joseph: Ein Jean Clouet?
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https://doi.org/10.11588/diglit.52117#0008

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JOSEPH MEDER


ie Übernahme eines Konvolutes mit durchaus unbestimmten und un-
montierten Zeichnungen der verschiedensten Schulen aus der National-
bibliothek in die Bestände der Albertina ergab mancherlei wertvolles
Material, darunter auch ein interessantes Brustbild von französischer Meister-
hand aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, das Porträt des Hofmannes
und berühmten Linguisten Guillaume Budä. Nach Wien mag es wohl mit
einem alten französischen Druckwerk als Einklebsel gekommen sein, das in
der Folgezeit als loses Blatt sein verschollenes Dasein führte. Ein Stückchen
feines Linnen im Ausmaß von 15: 11 cm, das in exakter, aber schlichter
Temperamalerei (cum aqua gummata) den markanten Kopf jenes Gelehrten
überliefert. Die Italiener bezeichneten diese alte Technik mit: in tela linea, bei
Dürer heißt es: auf ein Tüchlein1. Weil die Leinwand schon sehr schlissig ge-
worden war, hatte man sie, wie es scheint, ziemlich früh auf ein Stück Papier
geklebt, aber so ungeschickt, daß die Augen fast zur Hälfte verengt, das heißt
Ober- und Unterlider übereinander geschoben wurden. Erst durch behutsames
Ablösen der schon morschen Leinwand von der Unterlage vermochte ich die
Augen wieder frei zu machen und durch eine Verkittung der Fehlstellen den
Ausdruck des ernsten Kopfes wieder zur Wirkung zu bringen. Auch die vielen
kleinen Querrisse an der Schläfe, am Kinn und am Mund, in der Kappe und
im Hintergrund erfuhren bescheidene Restaurierungen, indes immer so, daß
jede alte und ursprüngliche Stelle unberührt verblieb.
Das Porträt zeigt den Berater eines Königs, den Typus eines Gelehrten mit
grauen, ruhig beobachtenden Augen, starker Nase, einem geschlossenen, zum
Schweigen geneigten Mund und zahllosen schweren Falten im Gesichte. Eine
schwarze Kappe mit Ohrenklappen schließt den Kopf fest ein, so daß an den
Schläfen kaum die weißen Haare sichtbar werden. Ein schwarzes Band, unter
dem Kinn gebunden, gibt ihr einen noch festeren Halt. Ein gleichfalls schwar-
zer, bis oben geschlossener Talar, aus dem ein weißer Halsstreifen hervor-
ragt, vollendet das Brustbild, das sich von dem monotonbraunen Hintergrund
mit roter Untermalung ziemlich schwer abhebt. Oben links läßt sich in weißer
Farbe von der ehemals längeren Überschrift nur noch der Name BVDEVS
entziffern. Dagegen steht auf dem Untersatzpapier in alten Schriftzügen:
Guillaume Budee mr^ des requestes. (Siehe Tafel I.) Das Bildchen zeigt
ringsum einen willkürlichen und gewalttätigen Zuschnitt und mag wohl weit
größer gewesen sein.


Diese alte Bezeichnung sowie ein Vergleich mit anderen gestochenen und
geschnittenen Bildnissen schließen jeden Zweifel an der Persönlichkeit aus
1 Meder, Die Handzeichnung, S. 181.

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