Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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Vom tzeute fürs Morgen

Neuland

ir müssen lernen, vom Alten, das
veraltet ist, tapfer Abschied zu
nehmen. Einrichtungen, Sitten, Denk--
weisen, Zustände, Ordnungen haben so
lange Wert, als sie eine lebendige
Seele haben. Da sind sie grnnende
Zweige am Lebensbaum. Ist aber das
Leben entflohen, dann hinüern sie wie
verdorrte Aste das Wachstum, und
es ist Zeit, sie zu entfernen. Wir
können nur mit gesunden Gliedern in
die Zukunft hineinschreiten.

In der Zukunft wird sehr vieles
anders werden. Aber das bedentet nur
dann einen Fortschritt, wenn es auch
besser wird. Freilich, das Gute ver--
wirklicht sich nur langsam. Das Neue
hängt viel inniger, als man in den
Zeiten der Weltbewegnngen denkt, mit
dem Alten zusammen, aus dem es
herauswächst. Nach kurzer Unterbre-
chung schließt sich das scheinbar zer--
sprengte Alte wieder zusammen, wie
sich der Erdboden über dem Lava--
strom schließt, den er eine Zeitlang
htzt ausströmen lassen. Die Freude
an dem Neuen dauert meist gar nicht
sehr lang. Es sprudelt zuerst wie eine
eben erschlossene Quelle, rein und klar.
Aber laß das Wasser nur ein wenig
rinnen, dann kommen von rechts und
links in Gräben und Bächen alte Ge--
wässer herangeflossen und in einigcr
Entfernung vom neuen Quellort kann
man meinen, man stehe wieder am
alten trüben Wasserlauf von ehedem.

Es kann wohl sein, daß auf die
kriegerische Zeit eine friedfertigere fol--
gen wird. Aus dem Kriege werden
die Völker mit dem Bewußtsein her--
vorgehen, daß sie, aufs Ganze ge->
sehen, eine Wahnsinnstat vollbracht
haben. Man wird wicder bauen, statt
zn zerstören, und sich vertragen, statt
sich zu töten.

Aber die Welterneuerung kommt
nicht von außen her. Sie beginnt
vielmehr erst da, wo das Bewußtsein,
das Denken^ die Gesinnung anders
wird. Hegel hat einmal gesagt, in der
Welt müßten immer «rst die Gedan--
ken revolntioniert werden, dann erst

könnten die Dinge besser werden. Es
ist wirklich so. Versetzt die Menschen,
wie sie sind, die geldhungrigen, genuß--
tollen, selbstsüchtigen Menschen in ein
Paradies, und es wird schon keines
mehr sein. Bevölkert den Himmel mit
Teufeln, nnd er wandelt sich zur Hölle.
Auch die Welterneuerung geht nach
ewigen Gesetzen vor sich. Nur neue
Menschen bauen sich eine nene Welt.

Aber können wir denn selber anders
werden? Ia und nein. Unsre Seele
gleicht der Erde, wenn sie in Eis er--
starrt ist. Es hilft nichts, ihr zuzu--
reden, sie möge weich und warm wer-
den. Das kann sie nicht selbst machen.
Aber, wenn die Sonne höher steigt,
dann kann fich die Erde von ihr be-
strahlen und durchwärmen lassen. Wir
müssen uns den Gottesstrahlen offen
halten, woher immer sie kommen, aus
Dichterworten oder heiligen Klängen,
aus Kinderaugen oder großen Men-
schenherzen; wir wollen auch den
Ewigkeitsstimmen lanschen, die aus
Brandung und Sturm zu uns reden.
Die Welt wird ihren Gang gehen.
Wir wollen nur nicht meinen, daß
das Heil daran hänge, daß wir etwas
mehr oder weniger Land nnd Geld
gewinnen werden. An der Welterneue-
rung nehmen wir teil, wenn wir eine
junge Scele zu ihr mitbringen. Unser
Neuland liegt nur vor nns und anßer
uns, wenn es zuerst in uns vorhan-
den ist. Christian Geyer

Karl Christian Planck

m j7. Ianuar tverden es hnn-
dert Iahre, daß der dentsche Philo-
soph Karl Christian Planck in Stutt-
gart das Licht der Welt erblickte.

Ein merkwürdiges, fast einzigartiges
Geschick liegt nicht bloß anf seinem Le-
ben, sondern auch bis heute auf seinem
Lebenswerk. Noch besitzt er nicht seinen
festen, klar umschriebenen Platz in der
Geschichte seiner Wissenschaft, als deren
schaffendes Glieü er sich fühlte um die
Mitte des letzten Iahrhunderts, an der
Schwelle der Neuzeit, aber bewehrt mit
dcm vollwichtigen Grbe des Christew-
tums und des klassischen Idealismus.
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