Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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Line Frau:

Doch, wo öer Menschen ungereiste Masscn
In TvildHeit noch iretämxfen sich unö hassen,

In dieser Stunöe einst, ob Grinrm und Tirieg,

Gebicrt die Menschhcit ihren schwerstcn Sieg.
sOas Abendrot ist nirn einein Sternentzinrmel von höchster Kracht ge-
wichen.^

Die priesterin:

Ihr Irdischen, die aus der Tierheit hebt
Den Menschen ihr, indem ihr strcbt,

Und aus dcin wechsclndcn
Das wcrdende, das lebt:

In eurc Träume guillt, was stolz und schön —
Sie sind am Ziel, die Grüher aus den ksöhn!
wir aber wenden uns den frommen Fernen,

Aus denen alles Vrausen tomint als Ruh,

Im Schaffensstrom von Aacht und Leuchten zu,
Geschwisterlich der Zwiesxrach mit den Sternen.

Vom Aeute fürs Morgen

Was vielleicht unsre „Rundschau"
werdcn könnte...

n jedem Tag treten irgendwo in
Deutschland gute Gedauken anS
Licht, denen nicht nur Fachleute nach-
denken sollen, die jeden Gescheiten
angehn und die zu ihrer Verwirk--
lichung di« Sescheiten und Regen
brauchen. Das Ideal wäre: daß
wir alle sie aufnehmen, nachprüfen,
verarbeiten könnten, abcr dazu müßten
wir täglich hundert Stunden Freizeit
uud je fünfzig LNenschenkräfte haben.
Lllso: vorsichten. Sllso: eine Aberschau,
für die uns fünfzig gescheite Sachver-
ständige so sachlich, so objektiv und so
leicht verständlich wie möglich und doch
nicht oberflächlich den Kerngehalt auS
dem unterbreiteten, was in Büchern,
Flugschriften, Zeitschriften, Zeitungen,
Kleden, Gesprächen allwöchentlich von
Wcachtens- und Nachprüfenswertem zu-
tage tritt. Lllles mit kurzen Nach-
weisen: da zrnd dort findest du, wie
der Mann zn seinen Ergebnissen
kommt, so daß du ihm nachprüfen
kannst. Vielleicht könnte so ermöglicht
werden, daß ein großes Volk seine Ge-
dankenproduktion wirklich zusammen-
faßte?

Auch nicht. Es hängt doch überall
zu vieles vom Wie ab, gerade von
dem, was auch dcr beste Auszug, dic ge-
wissenhafteste Zusammenfassung nicht
mitgeben kann. And wenn wir dafür

die Schreiber hätten, den Lesern
würde die Abung im richtigen Auf-
nehmen fehlen. Die Gewohuheit im
„Salzen", die Gewöhnung daran, stets
und überall das bewußte Körnlein da-
zu zu tun. Die Gewohnheit, das Ge-
zeigte doch nur als Schatten, Stück-
werk, Hinweis aufzunehmen, während
ein Urteil ja erst durch die Kenntnis
des Ganzen begrüudet würde. Die
Gewohnheit, daran zu deukeu, daß dcr
Hinweis unsrcr Rundschau auch gar
nicht um Zustimmung werben soll,
sondern zunächst nur nm Beachtung,
vielleicht um Widerleguug. Wor-
aussetzung aller guten Wirkung müßte
di« Freude daran sein, AnderS-
denkcude zu hören, diewcil uichtS auf
der Welt dümmer und spießiger ist,
als das hochberühmte Verlaugen: waS
ich lese, das soll mir aus der Seele
sprcchen. Vor allcm, immer wieder:
vor allem: die Gewohnhcit, sich über
Andersdenkende nicht zn entrüsten.
Also nicht etwa nach Art der Denk-
nebler Meinungs- und Gefühlsver-
schiedenheiten ohne wciters als zu-
reichenden Grund zur Miuderbewer-
tuug anzusehn.

Lrotz all dieser Schwierigkeiten
müssen wir allesamt nach Sammel-
spicgeln unsres Geisteslebcns strcben
und nach der Abung, sie zu benutzen.
Noch haben wir sie ausreichcnd nur
für kleine Sondergebiete, wir haben

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