Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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wird, wird bitterer und weit weniger wirksam sein. Es liegt zunächst in der
Natur unsres politischen Lebcns, daß man ihn erst betreten wird, wenn die
Mißstände znm Himmel schreien — man denke daran, wie im Kinowesen und im
Theaterwesen erst Augiasställe von Widrigkeiten sichtbar werden mußten, ehe
man an eine „Regelung" heranging; wie aber auch auf diesen Gebieten die
Mißstände viel leichter und ungehemmter anwachsen konnten zu ciner Deut-
lichkeit und Selbstverständlichkeit, welche den Gesetzgeber ganz anders heraus-
fordern mußten, als es die Zustände im Buchhandel in absehbarer Zeit tun
werden. Also, Iahrzehnte werden wohl vergehen, ehe Einschneideudes geschieht.
Und dann denke man an die Zweischneidigkcit und Vieldeutigkeit so mancher
geplanter und durchgeführter Kino- und Theatergesetzgebung — ob wir für
andre Gebiete klarere und zweckbewußtere Maßnahmen bald zu erwarten hätten?

Welche wären denn überhaupt möglich? Daß unser sogenanntes Ur-
Heber-Recht mehr Wider-Recht als vernünftiges, die Volksinteressen wah-
rendes Recht ist, hat aufs bündigste Avenarius dargetan, und Gelehrte wie
Ioseph Kohlcr haben es anerkannt. Avenarius hat auch den sehr cinfachen
und beachtlichen Vorschlag der Gründung eines „1l r h e b e r - S ch a tz e s" ge°
macht,' der freilich nach meinem Dafürhalten nur in Verbindung mit einer
Regelung der Berufsverhältnisse (Schriftsteller-Kammer oder Ähnliches) durch-
führbar ist. Das grundsätzlich Wichtigste daran scheint mir nicht einmal die
Kritik an den Rechtbestimmungen, sondern die starke Betonung des Gedankens,
daß sozusagen nur „zufällig", keineswegs mit innerer Notweirdigkeit die Er-
zeugnisse des Geistes Gegenstand eines auf Veute abzielenden „Betriebes"
sind. Eine sehr kleine Summe Geldes würde unter den heutigcn Verhält-
nissen genügen, um wichtigste Werte aus diesem an sich nicht sonderlich
kulturwürdigen Abhängigkeit-Verhältnis zn erlösen. Das würde noch nicht
einmal die ziemlich straffe gegenwärtige Organisation des Vuchhandels (von
der übrigens die Menge des Publikums gemeinhin nichts weiß) sprengen.
Diese Organisation hat große Verdienste; man erkennt sie deutlich durch einen
Vergleich mit dem Ausland. Trotzdem ist sie in manchem veraltet. Sie hat
Lücken und Unzulänglichkeiten. Dcr Erzeuger wird durch sie Vielfach geschädigt,
aber auch ihre Art des Angebots der fertigen Ware ist sehr häufig un-
zureichend. Man könnte da denken an eine lockere Regelung des Arbeits-
rechtes der Schriftsteller; sehr wcrt einer näheren Prüfung scheint mir
auch der Vorschlag, öffentliche B ü ch e r s ch a u p l ä tz e zu errichten, welchen
das Recht verliehen sein müßte, von jedem neu erscheinendeu Buch ein bis
zwei Stücke auf mehrere Wochen oder Monate einzufordern, um sic dcr
öffentlichkeit kostenlos zeigen zu können. Eine allgemeine Festsetzung der
Bücherpreise, das heißt: eines „Normalgewinns" im Vuchhandel wäre viel-
leicht die wichtigste und einschneidendste Maßnahme, besonders wenn die Her-
stellung fortgeschrittener ist als heute, aber sie dürfte ebenso wie die Regelung
andrer Kapitalrenten erst in sehr später Zeit möglich sein. Bcdeutet doch gc-
rade derglcichen einen Zugriff an die Grundlagen unseres willkürwirtschaft-
lichen Shstems. Mögc bald eine knlturpolitische Organisatiou oder eine crnst-
gesinnte Bcrufskörperschaft diesen Fragen shstematisch und gründlich nachgehen!

Theater und Film

Eine Warnung

ist wicder einmal Bewegung nnter den Verliner Schauspielern. Als
^)wtrcibende Kraft aber wirkt nicht ctwa — nun, was gab es wohl sonst für
^^'Ursachen und welche wären heute deukbar? — nicht etwa cine überwälti-
gende Rcgietat wie der Iulius Läsar aus Meiningen vom Frühling (8?^ oder
eine schauspielerische Hochgeburt, ähnlich dem Kainzschen Infautcn aus den
Anfängen des „Deutschen Theaters"; nicht cin literarischer Markstein, wie die
Entdcckung Gcrhart Hauptmanns auf üer „Freien Bühne"; auch nicht eiu cut-
schcidcuder Vcrsager nach aber eincm Lustrum, (ich erinnere an das glücklos«

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