Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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nicht überraschend. Im Rahmen, auf dem Boden, unter deiu Druck ciner Miß--
kultur der Lrwachsenen ist eine die Iugend und nur die Iugend nmfassende
besondere Kultur ein Unding. Wenn „unsere" Musik--Pflege nichts taugt, kann
sich „die" Iugend davon nicht ohne weiteres frcimachen. Mit gewisseu Opfern und
mit starker Amspannung kann es der Einzelne, kann es die kleine Gruppe,
kann es — vielleicht — die Sekte. Aber ein tiefster Sinn der Ingendöewegung
würde verfehlt, wenn sie sich auf die Kultur oder Musik-Kultur der Sekte ein-
schwüre. Damit triebe sie einmal, wie die Dinge jetzt liegen, eine Anzahl emp-
fänglicher und lebhafter Menschenkinder in einen bedauerlich engen Halbgötter-
Kultus und dadurch wiederum in nutzlose, aber schwere Konflikte hinein. Zum
andern eutzöge sie grundsätzlich der alles umfasseuden großen Kulturarbeit
Hilfskräfte in einem Augenblick, da diese deren dringender als je bedarf. Das
wäre auf dem Gebiete der Musik-Kultur schon schädlich genug, denn hier stehen
wichtige Entscheidungen für die nächsten zwanzig oder dreißig Iahre bevor. Wie
aber würde es als Teil der gesamten Kulturpolitik wirken? Mir scheint, es
gehört ein an Tollheit grenzender Mut dazu, dem Allgemeinen zugunsten der
Sektiererei jetzt Mitarbeiter entfremden zu wollen, geschweige denn cinen ganzen
„Nachwuchs", aus dem viellcicht tüchtige Führer hervorgehen könnten! Daß die
„bewegte" Iugend ohne den geringsten Hinweis auf dieses Problem, auf diesen
Sachverhalt, vor ein solches Entweder-Oder voreilig-eiuseitiger Entscheidung hin-
gedrängt wcrden soll, das ist vielleicht doch das grellst Bezeichnende — und
es scheint mir für mein Teil das tiefst Bedauerliche an diesem Buch.

Wolfgang Schumann

Ein neuer Griffelkunst-Poet

Zu Alexander Friedrichs „Faust II"

in Vorbehalt voraus: ich kcnne von dem Werdcnden, auf den ich heute
RImufmerksam machen möchte, noch nichts, was hauptsächlich durch die Erschei-
des Menschenkörpers, insbesondere des Menscheuangesichts spräche.
Daß Alexarrder Friedrich die volle Herrschaft über die Meuschenform als Aus-
drucksmittel besitze odcr gewinne, ist Voraussetzung seines Reichtums als Grisfel-
künstler, wie seincr Freihcit, „zu sagen, was er leidet". Daß aber sein Erstlings-
werk, die Radierungen „Faust II", trotz ihres Mangels an größeren Meuschen-
formen als seelisch bedeutend wirken, gerade das ist wieder erstaunlich. Kommt
Fricdrich nicht ins Manierieren, entwickelt er seiue Knust am Sachgehalt der
Stimmungen und Vorstellungen, so kann er nach so viel Stammlern und Irr-
lichtelierern ein Meisterer über das werdcn, was sich dnrch ein Ausbrechen aus
den alten Kunst-Ummauerungen erobern läßt. Ein Mcister im Goethischen
Sinne, eincr, der „was ersann". Denn er hat selbsttätige starke Phantasie. ,
Man blicke auf unser Probeblatt „Fausts Burg". Mauern und Türme,
die so wild in den Himmel stoßcn, gibt's auch von Menschenhand, dieser aber
ist nicht erbaut, sondern schwarz anfkristallt, wir spüren sofort: aus Teufels
Gebot. Und in den Lüften spukt's. Wir unterscheiden kcine Dämonengestaltcn,
wir erkennen keine Teufelsfratzen, wir sehn nur ein Gewirr nnd Gewühl
von Unbestimmtem, doch ist es derart, daß es unsre Phantasie an jeder
Stelle anregt, ja aufpeitscht. Nicht gebunden durch ihr vorgeschriebene Formen,
schafft sie nnn frei, arbeitet sie selber illusionär, und gcrade darum mit viel
größerer Kraft, als iunerhalb hingezeichneter Gestalt, mit lcidenschaftlicher Wucht.
An diesem Himmel da ist das Gewühl kein Mosaik von Erinnerungs-Schnitzeln,
wie meist bci Futuristen, sondern echtes Ehaos, gefüllt mit Lebenskeimen. Aber
mit Keimen dämonischen Lebens, mit dämonischen Kräften, die lauern und
grollen, sich hier vordrängen, dort zurückdrücken, die hier losschlagen wollen, dort
hinsinken — da ist Geisterwelt. Ich kenne außer bei Katharina Schäffner kcin'ähn-
lichcs Beispiel echt phantastischer Vewältigung des von der Wirklichkcit Uugc-
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