Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

Page: 123
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Er strcckte sein frisches Gesichtchen unter der Bastdecke hervor, stnhte es anf
seine kleine Faust und hob langsam die großen, sanften Augen zum Himmel
auf. Seinen Augen folgten die aller Knaben; sie blieben lange in den An-
blick des Himmels versunken.

(Ans: „Aus dem Tagebuch eines Iägers" fMüllersche Ausgabef.)

Das Znsekt

<7*v>ir träumte, es säßen unser etwa zwanzig Personen in einem großen Saale
^»-mit offenen Fenstern.

Frauen, Kinder, Greise befanden sich darunter... Die Unterhaltung drehte
sich um irgend einen alltäglichen Gegenstand und ging laut und wirr durch-
einander.

Plötzlich schwirrte ein großes Insekt von etwa drei Zoll Länge mit einem

harten Geräusch ins Zimmer... schwirrte herein, flog ein paarmal im Kreise

herum und setzte sich an die Wand.

Es hatte Ähnlichkcit mit einer Fliege oder Wespe. Der Numpf war schmutzig-
braun; dieselbe Farbe hatten auch die flachen, rauhen Flügel, die gesprcizten

Füßchen waren fcderig, dcr Kopf groß und eckig, wie bei einer Libclle; und

dieser Kopf und diese Füßchen waren hellrot, gleichsam blutig.

Dieses seltsame Insekt zappclte mit den Füßchen und drehte seinen Kopf
unaufhörlich auf und ab, rechts und links. Dann riß es sich plöhlich von der
Wand los, flog summend durchs Zimmer — und setzte sich wieder, indem es
von neuem, ohne sich von der Stelle zu rühren, seine widerlichen, peinlich be°
rührenden Bewegungen machte.

In uns allen erregte es Abscheu und Furcht — ja fast Schrecken... Nie-
mand von uns hatte jemals «twas Ähnliches gesechen, alle schrieen: „Iagt das
Ungetüm fort!" Alle schwenkten von weitem abwehrend ihre Taschentücher...
aber keiner wagte näher zu treten... und wenn das Insekt aufflog, dann
Wichen alle unwillkürlich beiseite.

Nur eincr aus unserer Gesellschaft, ein junger Mann mit bleichem Antlitz,
sah uns alle mit verwunderten Blicken an. Er zuckte die Achseln, lächslte und
konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb wir so
aufgeregt waren. Lr selbst sah das Insekt nicht und hörte nicht das widerliche
Schwirren seiner Flügel.

Plötzlich schien das Insekt ihn starr anzublicken, flog auf, jchmiegte sich fest
an seinen Kopf und stach ihn oberhalb der Augen in die Stirn.

Der Iüngling ließ ein leises Stöhnen vernehmen — und fiel tot zu Boden.

Die unheimliche Fliege schwirrte sogleich bon danncn... Ietzt erst errieten wir,
was für ein Gast das war. (Deutsch von Wilhelm Lange, Reclam-Ausgabe.)

Vom Zeute fürs Morgen

Am Totentag

ie Idee eines kommenden Völker-
bundes hat in vielen unsrer Seelen
gesiegt. Ob sie schneller oder langsamer
oder gar nicht verwirklicht werden kann,
ist gegenüber dieser Tatsache von unter-
gcordneter Wichtigkeit. Iedenfalls ha-
ben wir damit zu rechnen, daß sich
nun neben und an Stelle der nationalen
Mächte die internationalen regen wer-
den. Dabei aber darf es nicht blei-
ben. Es müssen auch die über-
nationalen Kräfte des — bei allen
notwendigen und heilsamen Verschie-
denheiten — gleichcn Glaubens und

der keine Landesgrenzen anerkennenden
Bruderliebe «ntbunden werden. Wir
reichen im Geiste noch während des
Krieges den Gleichgesinnten die Bru-
derhand. Wir wollen uns nach dem
Kriege ganz neu kennen und schätzen
lernen. Das war ja doch das Schreck-
lichste am Kriege, daß wir uns nicht
mehr lieben durften. Das soll jetzt
wieder anderS werden. Das erste, was
uns vereint, ist die gemeinsame Trauer,
der die ganze Melt durchzitternde
Schmerz. Wahrhaftig, unsre Brüder
hüben nnd drüben sind nicht vergebens
gestorben, wenn wir sie gemeinsam be°
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