Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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druck des eigenen Wesens, der den Griechen unter günstigerem Sterne so
früh gelang.

Dürer, Holbein, Grünwald, Hans Thoma — Bach, Beethoven, Schubert,
Wagner, Bruckner — Luther, Goethe, Kleist, Immermann, Keller — Otto
von Bismarck — wem solche Namen keine bloßen Namen sind, der weiß,
daß es deutsche Form und deutschen Geist gibt, bunter, vielgestaltiger,
eckiger vielleicht, als andre Formen und Geister, aber erfüllt von den Hum-
boldtschen vier Elementen, von Kraft, Leben, Derbheit, Frische.

In Luthers Wesen und Stil fanden sich diese Elemente vorbildlich zu->
sammen: mögen sie herrschend bleiben auch in der kommenden deut--
schen Kunst, zum Frommen der Gesundheit unsres Volkes, dem auch die
Kunst zu dienen hat! Otto Crusius

Vom Heute fürs Morgen

Das deutsche Erlebnis

er das deutsche Erlebnis der letzten
Wochen in sich erfahren hat nnd
dann feindliche Blätter liest, der fragt
sich: blicken wir denn in dieselbc Welt?
Ihr hört Wehklage und Wutgeheul,
Winseln um Gnade und Verzweiflung
hei uns („allenthalben" schreibt ein
Blatt sogar) — und höhnt darum und
freut euch daran? Uns aber ist gerade
das ein Trost: die Iämmerlinge, die
es bei uns so gut geben muß, wie
anderswo — wer weiß, wo sie stecken,
sie sind jetzt nicht zu sehn! Zu sehn
ist der Ernst, zu hören ist die Frage
und die Antwort, zu spüren überall ist
ein Bilden am Eigenen, «in Werden.
Die Blätter fallen, die Knospcn bleiben.

Daß ein Volk eine zehnfache Aber-
macht nicht besiegen könnte, auch
wenn es selbst politisch geschickter und
auch wenn man drüben beim Sug-
gerierkrieg sittlicher wäre — das wußten
wir, aber wir hofften, euch fernhalten
zu können. Nun brachen unsre paar
Bundesgenossen zusammen. Wir nicht.
Aber wir wollen nach mehr als vier
Fahren des Entsetzlichen die Verant-
wortung für das Grausigste nicht auf
uns nehmen, das für euch und uns
noch kommen könnte. So legen wir
nochmals den Frieden euch in die Hand:
Ihr habt die Welt gegen uns zum
Kampfe für Idcale zusammengerufen,
verwirklicht sie! Richter in eigener Sache
gibt es nicht, nach euren eigenen feier-
lichcn Manifcsten müßt ihr euch mit
uns verständigen, oder ihr setzt Lüge,
Ehrlosigkeit und Wcltbetrug mit nie
dagewesenem Zhnismus auf den Erden-

thron. Tut ihr das — die Folgen dann
über euch! Wir könnten es nicht mehr
hindern.

Wir können's nicht hindern, das
allein ist es, was uns entbindet. Aber
nicht von der Pflicht zur weiteren Ar -
beit. Damit sie aus reinem Boden
erwachse: nicht von der Pflicht zur
Einkehr bei uns. Könnten wir uns
für minderwertig halten, so hätten wir's
leichter, aber das können wir nicht,
denn der Glaube an die Sendung des
Deutschtums lebt, lebt stärker gerade
durch die Erfahrungen dieses Krieges,
lebt unbedingt gewiß in uns. So
fest die Erde unter uns steht, so un-
erschütterlich steht er. Am deutschen
Geiste soll, am deutschen Geiste wird
die Welt genesen. An dem deutschen
Geiste, der dieses heilige Lal der Flam-
men durchschritten haben wird, die ver-
brennen, was verwesen, und die läu-
tern, was schaffen kann. A

Die Harmonie der Sphären

er blinde Fabeldichter Pfeffel, eine
liebenswerte Gestalt des an liebens-
werten Gestalten reichen Aufklärungs-
zeitalters, war ein Elsässer, ein Col-
marer. Sein Vater war französischer
Beamter. Es ist charakteristisch für
Lie stets deutsch gebliebene Kultur des
Elsasses, daß dieser Sohn eines fran-
zösisch beamteten Elsässers ganz von
selbst eine völlig deutsche Bildung er-
hielt. Seine Studien machte er in
Halle. Eigentümlich ist das persönliche
Schicksal, das seinen Charakter formte
und durch viele seiner kleinen Dichtnn-
gen nachklingt, ein wenig wohl auch

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