Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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Nervcnsubstanz, die von allem, was durch sie geht, selbst nur das allerwenigste
verstehn, während doch alles auf sie wirkt. Was hat die Menschheit noch zu
tun, bis sie „vcrnünftig" wird! Sie hat die pshchischen Vorgänge zu crkennen,
und sie hat für tzemrnungen und Korrekturen zu sorgen. Sie muß das lernen,
denn ihre Selbsterhaltung verlangt's. Sie kann es lernen, weil sie ja gottlob
noch gar so kindsköpfig jung ist. Bedenken wir, wieviel sie immerhin schon
zustande gebracht hat, seit aus jeder dunkeln Ecke ein Teufelchen und aus
jedem Gedanken ein Aberglauben mit drein regierte, so stärkt uns das sicher
den Mut. Zumal die Suggcstionshexerei mit den sonstigen Teufeln gemeinsam
hat, daß sie das Licht nicht verträgt: je heller es ist, desto schlechter spukt sich's.

Hsttas aber schnell geschchn kann, geschehc schncll! Ietzt „gilt es", wahrlich jetzt,
-^Vda in allen Völkern die Geister der Tiefe durch ein Massenleben ohnegleichen
heraufgehoben sind und gestachelt noch durch verbrecherisches Benutzen! Mir scheint
mituntcr: die Erkenntnis vom Hereinwirken und Mitwirren jener Lrscheinungen
allein kann uns vor dem Verzweifeln am Sittlichen in der Menschheit bewahren.
Das aber ist doch wohl ganz gewiß: all unsre Abwehr gegen den Weltwahn
draußen wird in ihren Erfolgen schwächlich bleiben, solange wir nicht einmal klar
sein Wesen erkennen. Daß uns das viel schwerer wird, als wir meinen, liegt
auch mit an der Kriegspshchose bei uns. So haben wir Förderer der Aus-
druckskultur doppelte Arbeit zu tun. Ansre nach außen gerichtete muß helfen,
endlich „den Feind im Feinde" auch im Suggerierkricg zu sehn, sonst bleibt
alle unsre Abwehr im geistigcn Kriege ein Schießen in den Nebel. And unsre
nach innen gerichtete kann ganz wesentlich auch dazu beitragen, den unaus-
weichbaren Kämpfen im Vatervolke selbst das Gift zu nehmen, das die deutsche
Geschlossenheit im Widerstande und beim Miederaufbau zerätzt. A

Buchhandelfragen und Kapitalismus

^V^k^ieder einmal häufen sich die Klagen der Schriftsteller, Gelehrten,
^/V^Kulturpolitiker über den Vcrlagsbuchhandel. In jedem Schriftsteller-
blatt kaun nmn von ungünstigen Arbeit- und Lohnbedingungen für den
sogcnannten geistigen Arbeiter lcsen, aber auch im Namen der Kultur werden
die großen und einflußreichen Firmen des Buchhandels oft angegriffen. So
mußte der Verlag Kurt Wolff in Leipzig kürzlich Vorwürfe hören, er mache
in unerhört auffälliger Weise für Werke der „hohen Literatur" durch Inserate
Reklame, er „schaffe" neue Kunstrichtungen durch Reklame, durch Geschäfts-
tüchtigkeit, durch Aufträge an die Schriftsteller, während doch gcrade die schöp-
ferischen Mcnschen selbst diese Aufgabe hätten, Kunstrichtungen zu schaffen;
unwürdig, heillos und verderblich sei dieser Zustand, wo der KLrrner zum König
wcrde im Lande der Geister und der König zum Kärrner. Auch Allstein in
Berlin wird mit scharfen Worten angegriffen; er habc „das Ullstein-Buch"
zur vertretbaren Ware gemaiDt wie Odol-Mundwasser oder Manoli-Zigaretten,
seine Vücher würden nicht im Vertrauen auf dcn Verfasser-, sondern im 'Ver-
trauen auf dcn Verlegernamcn gekauft („Ullsteins Weltgeschichte", „Ullstein-
Iugendbüchcr", „Ullstcin-Romane" usw.). Eine großzügige, aber skrupellose
Machtpolitik habe es dazu gebracht. Ullsteins Machtpolitik cntbehre der sitt-
lichen Rechtfertigung durch einen „umfassenden" Gedanken, sie diene vielmehr
einer „Bücherfabrik", deren Erzeugnisse nur durch den gemeinsamen Laden-
preis zusammengehalten würden — im übrigen aber „sorgt dieses Haus für alle
Stände und Lebensalter": „Den Reiz des Aristokratischen benutzt es ebenso
wie die lockende Anrüchigkeit der Boheme und die Verführung des Radikalis-
mus: es kommt uns bodenständig ostpreußisch und raffiniert pariserisch; es
verzapft warmherzige Vaterlandsliebe und gepflegtesten Pazifismus aus dem-
selben tzahn; tönenden »Idealismus« hat es reichlich auf Lager und weiß
doch der Berechnung des kältesten Gcschäftsmannes zu schmeicheln; es macht
aus Wisscnschaft untcrhaltsame Aufsätzchen und spielt in Romanen mit Welt»

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