Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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allerlei Zeugs, bas küuftig soll schön
aussehen und uns in guten Augen-
blicken Freude nrachen."

Und neben dem Herbst des Ver-
gehens und Abcrwindens kannte er
auch den Herbst des Reifens, Einsam-
melns und Gewinnens. Wie hat er
sich der Herbsttage im Rheingau und
des Rochus-Festes gefreut! Vielleicht
wird einem gerade der reife Goethe
für die herbstliche Zeit des Reifens
das meiste geben können. Mit dem
jungen und alten Goethe künnen wir
den Herbst in allen seinen Stimmungen
und Abschattungen erleben. Er zeigt
wundervoll die Lebenskunst, mit Wirk-
lichkeitssinn und festem Siegeswillen
über die dunkeln Mächte sein Dasein
zu erhöhen. P. Th. Hoffmann

Familiensinn

^>n früherer Zeit hatte ihn nicht nur
Oder Ädel, sondern auch die bürger-
liche Familie. Wie lebte etwa im Hause
der Frau Rat Familiensinn und Fa-
milientradition! Der junge Wolfgang
Goethe hat einen großen Teil seiner
Fähigkeit zur Selbstzucht und seines
Verantwortlichkeitsgefühles dem festge-
fügten soliden Patrizierhause verdankt,
dem er entstammte. Heute ist es oft
erschreckend, wie wenig im Grunde die
Iugend von ihren Eltern auch nur
weiß. Fragt man in den Volksschulen
der Großstadt einen Iungen, was sein
Vater sei, so wird er oft kaum mehr
antworten, als: Arbeiter. Was der Va-
ter arbeitet, das interessiert viele kaum.

Beim Mittelstand weißder Sohn wenig»
stens, ob sein Vater Kaufmann, Arzk,
Bauer ist. Aber selten weiß er dar-
über hiimus noch viel. Noch weniger
weiß er vom Werdegang der Mutter,
fast nichts aber von dem der Großelkern
und Argroßeltern. So fehlt die Fa-
milienüberlieferung so gut wie ganz.
Gerade sie aber könnte von früh an
auch ein soziales Gefühl im
Kinde wecken. Dabei hören die Kinder
so gerne Geschichten aus der Zeit, wo
Vater und Mutter „noch klein waren".
Liebe zur Vergangenheit und ein ge°
wisser geschichtlicher Mnn würden sich
gleichfalls anbahnen. Am meisten aber
käme das alles der Festigung der Fa°
milie zugute, die immer und immer
als Grundlage des Staates und aller
sozialen Ordnung gepriesen wird. H

Vom Werdenskampfe

ut und Böse, und Reich und Arm,
und Hoch und Gering, und alle
Namen, und alle Namen der Werte:
Waffen sollen es sein und klirrende
Merkmale davon, daß das Leben sich
immer wieder selber überwinden muß!

In die Höhe will es sich bauen mit
Pfeilern und Stufen, das Leben selber:
in weite Fernen will es blicken und
hinaus nach seligen Schönheiten, —
darum braucht es Höhe!

And weil es Höhe braucht, braucht
es Stufen und Widerspruch der Stufen
und Steigenden! Steigen will das Le-
ben und steigend sich überwinden.

Nietzsche

Unsre Bllder und Noten

^V^ie gut gelungene steindruckartige Wiedergabe vor unserm Heft zeigt ein
HBild von Ernst Kreidolf. Viele werden darin die malerische Leistung
^v^anerkennen — die Töne stehn ganz ungewöhnlich schön zueinander — und
damit genug. Andre werden noch ein Etwas darin sehn, das ihnen als „Poesie"
erscheint, vielleicht auch als eine Art „Musik" — etwas Unbestimmtes, Schwe-
bcndes. Vielleicht bemerken sie erst allmählich, daß hier eine „Einfühlung" mit-
wirkt, und zwar nicht nur eine allgemeine in den Künstlergeist, sondern auch
eine ganz besondere in die Menschengestalt, die dieser Künstlergeist gleichsam
als sein Medium verkörpert hat, in das liegende Mädchen vorn. Das träumt
im Wachen. Gerade, daß wir ihre Züge nur undeutlich sehn und daß
ihre ganze Erscheinung (wie die der Menschen auf Kreidolfs Blumenmärchen-
Bildern) unrealistisch verändert ist, ferner: daß der Mond über-
groß gefühlt uud demgemäß auch übergroß gezeichnet ist, dann das Männchen
machende Tier rechts vorn — all das hilft mit, um den Beschauergeist, der
sich in das feine Werk versenkt, ins Träumerische hinüberzuleiten.

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