Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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bauen mit so viel Kraft, wi« wir sie uur haben, also nrit aller Kraft. Wer
jetzt noch weiter spaltet und ininiert, der inag persönlich in seincr Ahnungs-
losigkeit der gutgläubigste Mcnsch sein, in der Wirkung seiner Handlungen
komint er dem Vaterlandsverräter gleich, ob er von rechts oder von links her
wirkt. A

Das Erwachen

^V^k^as jetzt mit Tausenden von Deutschen geschieht? Sie erwachen von
r ^vierjährigem Traum.

Im August begann er. Als die zentnerschwere Note des
Grafen Berchtold in der erstaunten Welt besprochen wurde und die ersten
österreichisch-ungarischen Armeekorps zusammenströmten, war ich in Wien. Ich
wußte, was kommen würde. Aber nie war ein Krieg volkstümlicher als der,
den da die jubelnde Menge sah, die durch die breiten Straßen der uralten
Kaiscr- und Weltstadt strömte, jeden General, jeden Soldaten mit Begeisterung

begrüßte und Ssterreich Heil und Serbien den Tod zuschmetterte. Trotz

Rußlands, trotz der Vollmobilmachung brauste der Sturm in Wien noch

fort. Mit dcm lehten Iuli-Zug war ich auf dem Wege nach München.

Im Eisenbahnabteil, in dem neben uns Offiziere und Soldaten zur Süd-
frout «ilten, hallte er weiter. Stolze Worte, fiebernder Tatendurst. Die
Nacht sank herein. Niemand dachte an Schlaf, alle Lichter brannten. Nur
stiller wards allmählich. Da, es mochte noch cine Viertelstunde bis Linz
sein, drang lautes SHluchzen herein. Wir blickten um uns. War das

wirklich der junge Feldwebel, der vor drei Stunden noch dem strahlenden

Kriegsgott selbcr glich? Ein alter Offizier begütigte: „'s ist halt doch hart!"
Der junge Mann stand draußen, ein Weib im Arm, das ihm heimlich

gefolgt war, fassungslos. Bei uns isLs dann stjll geblieben. Am folgenden

Abend in München antwortete heller Iubel der Kriegserklärung. Herber,
furchtbarer, männlicher als in Wien. Wir sahen, wir hörten es mit Staunen,
mit Grausen. Was hatte die Menschen gepackt? Ein Krieg begann, der
blutiger werden mußte, als die blut- und tränenreiche Weltgeschichte je einen
gesehn, und sie rasten vor Wonne und Entzücken? Am fünften August ver-
ließen wir, als Soldaten, die baherische Hauptstadt. Ilnsere Kompagnie durch-
zog die Stadt, umbraust von wilden Zurufen einer hemmunglosen Glücks-
zuversicht. Nie werde ich vergessen, wie in dem Iug, den wir rasch füllten,
dies alles dahinschwand und bei dcn Kampfgeweihten bald Ernst und Klarheit
einkehrte.

Iu der Heimat, bei unserm Bürgertum, hat der Traumrausch angehalten,
ein Iahr lang, zwei, drei, bis heute. Er wurd« leiser — hieß es erst:
„Nun wollcn wir sie dreschen!", so später: „Wir schaffens schon!", noch später:
„Durch kommen sie nicht!" —, er erlitt Störungen, aber er ward auch be°
hütet, ja genährt. Versammlungcn, Ausschüsse, Pressearbeit, Kundgebungen
der Heerführer, Staatsmänner und Fürsten, zuleht der sehr still aufgestellte
weitumfasscnde Beeinflussungsapparat Ludendorffs und der Vaterlandspartci,
wirktcn zusammen. Und die dcutschen Siege! Die konnte keincr weguuken.
Wer durfte an Kitcheners eisiges Wort erinnern: „Die Deutschen werden die
Schlachten gewinnen und wir den Krieg!"? Sehr spät und furchtbar plötz-
lich kam das Erwachen.

Wie tief der Traum so vieler Volksgenossen war! Noch immer klammern
sich Tausende an ein Gencralswort und schwellen auf, wo Telegramme
an den Kanzler und Aufrufe an 'das deutsche Volk losgelassen werden. Und
hoffen auf das Wunder. Erwacht vollends, Mitbürger! Das Wunder kommt
nicht — aber i st denn alles verloren? Nein. Derloren ist bis heute nicht
mehr, als ein großes Volk zwar nicht ohne Schmerzen, wohl aber ohne
Todesangst verlieren kann!

Die Wirklichkeit ruft uns. Was fordert dcr Tag?

Zucrst dies: stellt euch hinter die deutsche Volksregierung! Auch die
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