Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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ist, seiner Wasfen und seines Gutes berauben will. Vom Völkerbund,
mit dem man gekapert und revolutioniert hat, keine Rede mehr. Die
Bedingungen lassen auch kaum eine psychologische Möglichkeit für ihn.
Hätten wir noch die Freiheit unsres Entschlusses, so würde es den Feinden
nicht gelingen können, auf so unsinnig imperialistische Bedingungen hin
ihre eigenen Soldaten im Felde zu halten. Siegreiche Völker aber zu
revolutionieren, die keinen Feind und also keine Furcht mehr haben —
wird das der Internationale gelingen? Das schnelle Abbrechen durch
Ludendorffs plötzlichen unmotivierten Ruf nach dem Waffenstillstand mit
allen seinen Folgen draußen und daheim kann unausdenkbar weiterwirken,
nicht nur für uns, sondern für alle Völker.

g>ie Zukunft Europas wird bestimmt durch den Imperialismus der Entente
^einerseits, durch den deutschen Sozialismus andrerseits. Die gleiche
Frage liegt vor beiden: Rache oder Bund?

Wird in der Entente vernunftlose Rache und zukunftvergessene Raub--
gier siegen oder der verheißene Völkerbund auf Rechtsgrund und die Ver--
söhnung? Die Waffenstillstandsbedingungen haben die Frage im Grund
bereits entschieden und Wilson hat durch ihre Zulassung uns und damit
sich selbst bereits wehrlos gemacht. Es ist da wenig mehr zu hoffen.

So liegt nun alles am Sozialismus. Wird bei ihm wenigstens die
verheißene Zusammenarbeit des ganzen Volkes auf friedliche und allmähliche
Sozialisierung siegen? Kommt die Nationalversammlung? Oder w rd auch
hier die vernunftlose Rache und die zukunstvergessene Gier nach Augen--
blickserfolgen siegen? Bei unsernr Volke, bei unsern Arbeitern insbe-
sondere, liegt die Antwort. Fällt sie für den Wiederaufbau des Volkes,
so ist in allem Elend die Zukunft uns unverloren.

Llnsre nationale Ehre

erlassen und verraten von denen, die wir mit unserm Gut und Blut
(schützten, niedergelogen und niederverleumdet auf der ganzen Erde,
^^^ausgehungert und verarmt, trotzdem von der halben Welt im Kampf
unbesiegt, aber politisch wehrlos geworden, so mußten wir uns übergeben.
Mußten wir das wirklich? Es gab Leute, die riefen: „Die nationale Ehre
verbietet es!" und sie rieten der Nation geradezu: „Lieber untergehn, dann
ist die Ehrc gewahrt!" Kein Zweifel, so und so viele sehen unterm Zu-
sammenbruche jetzt auch unsre Ehre liegen. Aber von den Schmerzen
könnten sie sich befreien, wenn sie sich nur einmal in Ruhe fragen wollten,
was Ehre eigentlich ist. „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles
freudig setzt an ihre Ehre." Woran hatten und haben wir ,,unser Alles"
zu setzen?

Beginnen wir so nüchtern wie möglich, also mit dem Konversations-
lexikon. Ehre, sagt der Brockhaus, ist „die Anerkennung unsres persön-
lichen Wertes durch andre. Man hat Ehre, insofern man durch Handlungen
und Gesinnungen auf diese Anerkennung Anspruch machen darf. Die Be-
rechtigung auf diesen Anspruch ist die innere, die Anerkennung selbst die
äußere Ehre. Beide können miteinander in Konflikt geraten, wenn im
öffentlichen Nrteil etwas innerlich Ehrenhaftes, wie z. B. der Verzicht
auf Rache bei Beleidigungen, für unehrenhaft gehalten wird."

Wenu „äußere" Ehre nur Anerkennung der „inneren" Ehre durch die
Andern ist, so kommt also für sittliche Bewertung allein die „innere"
Ehre in Betracht. Besser gesagt: die innere Ehre allein ist die Lhre. Wi«

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