Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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fremder Rasse an über die hochstehenden, heißblütigen, schwer sich bändigenden
bis zu den alternden hin, die das Verzlchten nicht lernen oder die in gütiger
Aberlegenheit die Fäden jugelldlicher Wirrsal zn ordnen streben; die Knaben,
die das wildschöne Leben heiß und irr, unseligen Dranges, begehren; die starkcn,
klugen Männer, die harten unü die freundlich-milden Greise..., eine lange, von
Innerlichkeit und Echtheit gesättigte Rcihe. Wir würden eins der Meisterwerke
Kchserlings zergliedern, um die Wesensbedingungen seiner großen Kunst zu be-
greifen, etwa jene um sstO? im „Kunstwart" wiedergegebene, over jenes Wunder-
werk einer abgestimmten Feinarbeit, das Wesen und Schicksal kleinländlicher
Fürstinnen scheinbar im Hinblick auf Zeitgeschichte und soziale Entwicklung, in
Wahrheit nur mit dem abgeklärten und tiefdringenden Blick des Kenners alles
ewig Menschlichcn darstellte.

So stand es oft, wohl eigentlich immer mit E. v. Kehserlings Erzählungen:
Menschliches Leben und Erleben ist zuerst bestimmt von Ererbtem und von dem,
was wir durch Erziehung, durch Nachahmung der guten und schlimmen Vorbilder
unsrer Iugend, durch die Wirkung des „Milieus", der Ilmwelt aufnehmen in
unser bleibendes Wesen; es ist darüber hinaus bestimmt durch das, was wir
arbeitend, lernend erkennen, durch die Lebensordnung, in die wir leidend oder
wirkend, leiderrd und wirkend hineintreten. Diese zweiten Bestimmtheiten des
Menschlichen, die politischen, wirtschaftlichen, sozialen, hat Keyserling nie im
Vordergrund seiner schaffenden Aufmerksamkeit gehabt. Nicht, daß er sie unbeachtet
gelassen hätte; er ging nicht aus seiner Zeit hinaus, hielt den Blick vielmehr
stets gerichtet auf Menschen und Zustände von heute, aber alles Nationale, die
gesamte Lebensordnung seiner Welt — es war zumeist die ostdeutscher, baltischer
Landschaft — bchandelte er als unabänderlich gegebene Voraussetzung des Ge-
schehenden, stellte er nicht der Erörterung, stellte er kaum dem Nachdenken des
Lesers anheim. Das sammelte er vielmehr ganz auf jene ersten, ursprünglichen,
rein menschlichen Bestimmtheiten der Gestalten. Diese Beschränkung bezeichnet
die Grenze seines Könnens oder Wollens, das beinahe das eines „Spezialisten"
ist. Aber welch eines Spezialisten! Innerhalb jener Grenzen war es gefüllt
mit Gestalten, mit Zusammenhängen, mit feinen, liebenswürdigen, klugen,
weisen Beobachtungen, mit Gefühl für all und jedes Natürliche, Kultürliche,
Landschaftliche, Körpcrliche. And Kehserling gab doch seinen Reichtum nie in
buntem Durcheinander, immer nach Art des eigentlichsten „Künstlers": einge-
bcttet in einen wohldurchdachten Zusammenhang von klar umrissenen Persönlich-
keitcn und einen aus den gegebenen Voraussetzungen entwickelten Ablauf von
Handlungen und Geschehnissen. War er darum ein „kühler Kopfarbeiter", einer
jener Fernrohr-Männer, üie das Leben betrachten und wiedergeben, wie die
Astrouomen Mondkrater und Marskanäle? Wem kluges Abwägen, hochbewußtes
Wissen von allen Höhen und Tiefen, wem auch das verstehensstärkste Lächeln
ein für allemal ein Greuel oder eine llnheimlichkeit ist, der lasse von Keyserling
ab. Anderen wird er auf lange hinaus im Gedächtnis bleiben als die verkörperte
Vcreinigung all jcner Klugheit und Aberlegenheit und zugleich einer Güte und
Milde, die so reich und schlicht nur aus den Werken sehr weniger seiner Zeit-
genosscn strahlte. Einige seiner Bücher werden als Zeugnisse einer gewiß zeit-
bedingten, aber bis zur Einsamkeit abgesonderten vorbildlichen Künstler- und
Menschenpersönlichkeit das Zeitliche überleben. Sch

Der Kreis

Von Walter Flex

(Wir haben im vorigen Hest daran erinnert, daß jetzt gerade ein Vierteljahr-
tausend seit dem Lrscheinen von Grimmelshausens „Simplizissimus" vergangen
ist. Heutc eine Probe davon, wie ein Moderner oom Dreißigjährigen Kriege
erzählt. Die folgende Novelle ist einer Sammlung von Gesichten und Geschichten
aus dem Drcißigjährigen Krieg von Walter Flex entnommen, die unter
dem Titel „Wallenst«ins Antlitz" im Verlag L>tz.Beck in München er°
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