Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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auch das ungeübte Auge könnte davon trinken. Aber diese wenige Hilfe, wer
gibt sie ihm? Unsere Knnstkritik, jedenfalls, hat sich ganz andre Aufgaben
gestellt. Sic gibt sich entweder als Kunstrichte-r- oder als Kunstforschertum.

Meine Herren Kunstkritiker, ich will heute nicht darüber rechten, ob die
gegenwärtig moderne Art von Ausstellungskritik überhaupt viel Zweck hat.
Nehmen wir an: in den Fachzeitschriften sei dem so. In den Lageszeitnngen
auch, wo nicht beruflich oder sonst vorzugsweise Interessierte, sondern Hinz und
Kunz sich von ihr „beeindrucken" lassen? Wiegt da ihr etwaiger Nutzen wirk-
lich den Schaden auf, daß sie in Hunderttausende halbverstehender Köpfe das
streut, was der Berliner „Zimt mit Iesichtspunkte" nennt? Aber gut, diesc
Würze des Lebens wollt ihr mal nicht entbehren. Wie wär' es, wenn ihr
nun wenigstens zwischen die „wissenschaftlichen" und „künstlerischen" Kritiken
in die Lagesblätter von Zeit zu Zeit ganz anders stilisierte Erholungs-
kritiken einschaltetet? Solche, mcin ich, die nur zu Freuden führen sollen.
Einstellungen also für Freudesucher, und ohne Voraussetzungcn und ohne
Ansprüche an Kenntnisse und „Bildung". Besprechnngen ohne jede Hinblicke
auf Kunstwissenschaft oder Kunstgeschichte oder Künstler-Zusammenhänge oder
irgend «ine „Nichtung" uud irgenü einen „Ismus" oder irgend ein „Problem".
Besprechungen, die nichts weiter wollen, als eben auf ir g e n d w el ch e Freudeu
aufmerksam zu ruachen und einzustellen, die man sich da und dort vor deu
Sachen holcn kann. Für Leser, denen aller künstlerische Streit deutsch gesagt:
Wurst ist, die aber d o ch, wie ihr Laufen in die Ausstellungen beweist, mit
Bildern und Skulpturen gelegentlich gern zusammen sind. Lcicht zu schreibeu
würden solche Erholungskritiken ganz gewiß nicht sein, denn sie fordern ein an-
deres und ein naheres Verhältnis zu den Bildern, zur Natur und zum Publikum,
als sich durch ein paar Universitätjahre erwerben, sie fordern überhaupt aller-
lei, was sich nicht anlernen läßt. Aber sie könnten sowohl unserm Publikum
wie unserer Kritik wirklich nützen, könnten helfen, beide zu erziehen und
schließlich beide freundschaftlich zu verbünden. A

Selma Lagerlöf

fDaran, daß wir zu ihrem 60. Geburtstage sie nicht begrüßt haben, wareu
die Zeitverhältnisse schuld; daran, daß wir sie heute nicht mit eigeneu Sätzen,
sozusageu mit „Redaktions-Arbeit" begrüßen, ist die Meinung schuld, wir könnten
uns nach dem Vielen, was wir schon über sie gesagt haben, nur wiederholen.
So gebcn wir Walter von Molo das Wort. Was wir hier abdrucken, ist die
Einleitung zu den „schönsten Geschichtcn der Lagerlöf", die deutsch bei Albert
Laugen in München erschienen sind.j

^m^ie reine Frau hat das innigste Verhältnis zur Dichtkunst. Ihre
>^^seelische Veranlagung und ihre dadurch bedingten Aufgaben erhalten
sie dem wahrhaft Realen, dem Mysterium des Fühlens, das die
Wurzel der Dichtkunst war und ist, näher als den Mann, der vor allem
durch die Tat und durch die Arbeit seines Kopfes wirkt, der sich im
allgemeinen erst zum Zentrum des Fühlens durchkämpfen muß. Wie den
Mann die Bezwingung des weiteren Weges stärkt und sichtet, hält die
Nähe des Zieles die Frau, die die treueste Gefolgschaft jeder Kunst ist,
entweder vom Selbstschaffen ab (meist zum Segen der Ihren!), oder sie
wird, wenn sie selbst schafft, zumeist, gerade durch ihre Weiblichkeit, der
Kunst verdorben: sie lernt nicht zu dem ihr Angeborenen zu, sie bleibt
seelische Molluske, weil ihrem Werk nicht die Knochen des unerbittlich
logischen Denkens, die innere und äußere Form, in voller Kraft zuwachsen.
Die schöpferische Frau hat drum hauptsächlich das Gebiet der erzählenden
Dichtung, deren Notwendigkeiten, in dieser tzinsicht, verhältnismäßig ge-
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