Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

Page: 183
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Volk" erreichen, sie kann aber auch cine schätzeirs- und liebenswerte, mit un-
geheurcr Kraftvergeudung arbeitende Mittelstands-Angelegenheit bleiben. Ich
habe vorhin einiges von den Wahrscheinlichkeiten für den zweiten Fall erwähnt,
ich gehe nun ausschließlich auf die erste Möglichkeit ein. (Schluß folgt)

Erholungs-Kritiken

Auch ein Nachruf zu den heurigen Kunstausstellungen

^^s^itte, mcinc Herrschaften, es ist sechs... Bitte, meine Herrschaften: Schluß!"
^^HAls die Diener voriges Mal die Kunstausstellung „ausräumten", hatte
mich doch der Iammer gefaßt. Gut ja, ich hatte wieder eine ganze Menge
Veues und „Neures" kennen uud vielleicht auch ein ganz klein wenig es erkennen
gelernt — aber malten und modellierten dcnn diese tausend Leute da, dainit man
jich über ihre Fähigkeiten, ihre Theorien, ihre Richtungen, ihr Verhältnis zuein-
ander Rechenschast gab? Der Zhniker lächelt: verkaufen wollen sie! Angenommen
ja, was wollen sie verkaufen? Etwa Erkenntnisse über ihre Fähigkeiten, Theo»
rien, Richtungen? Nein: Freude. Also beschloß ich, das nächste Mal mit dem
Vorsatz zu kommen: du suchstnachFreude. Ausschließlich danach, alles
andre läßt du beiseit. Und das nächste Mal war hente.

Anfangs ward mir's durchaus nicht leicht. Das ist ein Ex° und das ein
Impressionist, der kommt von Böcklin und der von Leibl, bei dem spitzwegt
und bei jenem haidert es — man braucht eine richtige Kraftanstrengung dazu,
derlei Eindrücken den Kopf zu sperren. Mir gelang es, indem ich zunächst
ein Bürgerpaar belauschte, das von einem Alpenlandschafts-Kitsch hingerissen
war. Was freute sie denn? „Das Stoffliche, pfui!" sagt der Kritiker. Ia, nur
das Stoffliche. Aber die Freude an diesem Gießbach war Freude; er schäumte,
trällcrtc uud brauste ihnen durch dcn Bildrahmen aus der Erinnerung an
di« Sommerreise in ihr Heute herein. Getreu meinem Vorsahe, für diesen Tag
Freude zu suchen, ließ ich mich von ihnen „einstellen", und es gelang. War
ich nun gegenüber den Knnstwerten ganz dumm geworden? Doch nicht, auch
meine neuen Begleiter waren das nicht, sie waren nicht unempfänglich dafür,
c>b Mutter Natur und Vater Kraft einen Maler fester oder lockerer bei der
Hand hatten — nur die Theorien, Schulen, Abhängigkeiten, Richtungen usw.
kümmerten sie nicht. Als ich allein weitersuchte, fand ich gerade bei den ganz
Unberühmten unter drei Bildern immer eins, bei dem mich irgendetwas
freute. Wenn man dicses Bild dort guten Willens besah, so spürte man doch,
als wie mächtig der Maler die Wolke da seinerseits gefühlt hatte — die er
nicht malen konnte. Und dort fühlte man's schon, wie lieb einer dieses sein
Weib gehabt hatt«, dessen Liebreiz für seinen Pinsel zu beweglich war. Man
begriff, was an jenem verunglückten Bauernkopfe gereizt hatte, und wie man's
begriff, fühlte man den Reiz selber. Frau Phantasie schritt helfend nebenher,
deutete und crgänzte, da war's, als ginge über die Hälfte all der Bilder ein
Schimmer belebendcn Lichts. Was nichts als Kitsch war, blieb's, dummes Zeug
blieb, Affereien, Anmaßungen und Vortäuschungen blieben — und zwar ganz
und gar nicht bloß bei Unbekannten, nein, bei ihnen weniger und bei Be°
rühmten mehr. Aber eine Menge Freude tauchte bescheiden oder keck wie aus
Borhangverstccken auf, wenn man im Punkte Können nachsichtig dcm Ge°
wollten nachging. Sogar an Gekonntem stellten sich bisher übersehene
Frcudcn ein. Wann? Als ich darauf verzichtet hattc, nach sozusagen ncuen
<2orten zu suchen. Wer diesen Feldblumenstrauß dort mit so viel Frische gab,
daß er im Bilde noch lebt und lacht, der konnte das ebeir, auch wenn er
keinerlei „malerischen Fortschritt" brachte. Und wer diese beiden Farbstreifen
am hohen Himmel dort so fein gestimmt hat, der konnte stimmen, eben daß es
crfrcute, ob auch sein Bild mit kcinem „Problem" „rang" und ganz und gar
„nichts Neues" gab. So wartet in einer großen Kunstausstellung eine Menge
von Freuden derer, die sie rufen können. Ganz wenig Hilfe oft, und

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