Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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ihm muß eine grimmige Entschlossenheit stehen, sich nicht Schritt vor
Schritt weiter in einen Frieden nm jeden Preis drängen zu lassen. Wird
nnsre Demokratie das Herz fest behalten? In der Legierung Deutschland
hat sich die norddeutsche Schneidigkeit zu spröde erwiesen; wird die süd«
deutsche Gemütlichkeit zu weich sein?

Hier hilft nur ein starker Glaube. Wer sein Vaterland liebt, darf sich
einen Zweifel jetzt nicht erlauben. Der Zweifel konnte schaffen, was er
fürchtet, der Glaube könnte das, was er glaubt, auch schaffen. „Arbeiten
und nicht verzweifeln!" Bonur

Wandlungen

scltsamste ErlebniS ist uns in vierjähriger Kriegszeit geworden, Sege»
Dund Fluch zugleich: wir hatten uns an das Ungeheure gewöhnt. Wer
erlebt Zeitgeschichtliches heute noch mit derselbeu Erregbarkeit, Emp«
sänglichkeit, Kraft wie chch, von der Mitlebensleidenschaft der Gl^er Tage
ganz zu schweigen! In wenigen Wochen ballten sich damals die Wolken, Nlit
den Donnerschlägen der ersten zehn, zwölf, zwanzig Kriegserklärungen began»
das Weltengewitter. Lange noch, bis in die jüngste Zeit, folgten neue Schläg«
— jetzt aber wendeten wenige auch nur den Kopf. Die ersten Schüsse, di«
ersten Berwundeten, die ersten Toten, wie hat uns Nachricht und Aublick
davon durchschüttert! Heut« waren für die Meisten Menschenleben gleich Zif-
fern in einem ernsten, aber unpersönlich zu betrachtenden Spicl. Von jene»
Augusttagen an geschah Unerhörtes: die Schätze der Erde, der Luft, der Ge-
wässer wurden von gewaltigem Willen geleitet über Tragen und Wägen,
Schiffe und Flugzeuge, durch Feuer und Glutöfen, Kolben und Netortcn, durch
Maschinenhallen und Packräume und wieder über Straßen und Schienen hin,
als ein großer, todbringender Strom; sie ergossen sich als Geschütz, Gewehr,
Munition, als Wägcn, als Schienenstränge, als Wcrkzeuge, als Nahrnngs-
mittel, als Kleider hinaus, vereint mit dem Strom der Huuderttausende und
Millionen von Menschen, denen sie helfen sollten, andcre Mcnschen zu töten
und sich vor tötenden Menschen zu schützen. Seit mehr als vier Iahren haben ja
Tag für Tag, Nacht für Nacht Millionen unter freiem Himmel, in Sturm
und Hitze, Regen uud Kälte anderen Millionen Tod zugedacht, zugewaudt,
Menschen wie wir, gewöhnt an Bett und Häuslichkeit, Schutz, Fürsorge und
Freiheit. Wer hat vermocht, den solches umspannenden Gedanken wachzu-
halten! Lange Monate hindurch hat es gedauert, bis „wir" bemerkten, wie
der Doppelstrom von Menschen und Elementen Lücken riß, wo wir bis dahin
aus der Fülle schier unbedacht gcschöpft hatterr. Monate, bis.wir nicht nur
Sorge und Leid, sondern auch Mangel spürten. Abermals Mbnate, bis wir
begannen den unvorhergesehenen, unerwarteten Mangel zu „organisieren".
Iahre, bis wir erkannten, daß dicse Organisation nicht nur vorübergehend«
„Kriegswirtschaft", daß sie der Beginn einer Revolutiou uusres gesamtcn Da-
seins war. Erinnert man sich des Durchbruchs von Gorlice? Wer dachte,
schon damals, an das Leid, an die grauenschwangeren Erlebnisse der Hundert-
tausendc im galizischen Wust? Eiue Heercsoperation größten Stils, Sieg,
nahes Kriegseude, das waren die «rsten Gedanken. Der italienische Donner-
schlag, schon vorher erwartet, verhallte darüber schnell. Serbiens Endc: Einig«
horchten auf — das schien di« Dämmerung dcr kleinen Königreiche. NikolanS'
des Montenegriners Friedensbitte überraschte nicmand; nun würde Agypten
dran kommen, so hicß es. Aber nach wciteren Monaten noch flutete der
Doppelstrom wie im crstcn. Schiffe wurden vcrsenkt. Endlose Notenwechsel
solgten. Im Osten ein neuer Donnerschlag, von Rumänien: nach kurzer Zeit
der Besorgnis hatte der Doppelstrom auch dort die Vahn in die Zukunft ge-
ebnct. Frühjahr W?: Vas Zarenreich wankt. Viele holten Atem, Viele cr-
hobcn zum ersten Male seit lM den Blick, das war mehr als Serbien, als
Montenegro, als Belgien, als Rumänien; wir standen nicht in Petersburg,

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