Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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Willkommen, Deutsch.Oesterreich!

wenige Tage vor der Revolution ging ein Wort des Wiener
/ Volksführers Karl Leuthner durch die Zeitungen: Zehn Millionen
^ ^Deutsche sind heute «obdachlos". Die deutschen Angehörigen der
ehemaligen habsburgischen Monarchie waren gemeint. Mit Schmerz haben
wir dieses Wort gelesen. Aber im Deutschen Reich schien die Meinung
zu herrschen, daß uns die Hände gebunden seien. Alles was von ferne
einer „Annexion" ähnlich aussehen konnte, mußte, so meinte man, ver--
miedeu werden. Heute steht das revolutionierte Deutschland vor der Wil-
lenserklärung der deutsch-österreichischen Republik, daß sie zu „uns" ge-
hören wolle. Ein freies Volk hat sich als Teil des großen Muttervolkes
erklärt. Noch ist aus dem „Reich" keine Antwort ergangen. Aber kein
Zweifel kann bestehen: wenn die äußeren Verhältnisse es uns irgend er°
lauben, so wird diese Willenserklärung mit Freuden entgegengenommen
werden. Und welche Macht sollte auf die Dauer imstande sein, den fried-
fertigen Willen zweier Völker zur Vereinigung zu durchkreuzen!

Deutsch-Osterreich ein Teil von Deutschland! Eine schmerzenreiche Ge°
schichte wäre damit abgeschlossen. Seit dem Bruderkrieg von 1866 haben
weltpolitische, bundesstaatpolitische und dynasliepolitische Strömungen einen
Gegensatz zwischen dem „reichsdeutschen" und dem „deutschösterreichischen"
Volke geschaffen. Zuerst waren die Volksteile weit voneinander geschiedeu:
auf der einen Seite die glücklichen deutschen Völker, die im Reich ihr
gemeinsames Haus erblickten, auf der andern die Stämme unter Habs-
burgs Führung, die als völkische Minderheit in einem Nationalitätenstaat
mit dem Rückhalt an dem Großteil ihres Stammes auch den Anspruch
auf ihre alte Stellung und die Fähigkeit, sie auszufüllen, schwinden sahen.
Äberraschend schnell war die Feindseligkeit zwischen den beiden Volksteilen
erloschen. Wie von jeher fühlten sich bald deutsche Ssterreicher als Deutsche.
Und als gar das Bündnis beider Kaiserreiche geschlossen ward, mochte es
scheinen, als ob den Deutschösterreichern nun ein neuer Nufstieg beschieden
sein werde. Es kam ganz anders. In ihrem eigenen Reich fühlten sie
sich als Vertreter des Staatsgedankens, als Hüter des alten Ssterreichs, das
durch deutsche Kraft zusammengehalteu worden war. Im Namen dieses
Bestrebens forderten sie aber auch so manches, was den andern Nationen
als Anspruch auf nationale Vorrechte erschien und zum Teil wohl erscheinen
mußte. Einer Minderheit wie den Deutschen „Vorrechte" zu gewähren,
davon waren jedoch Polen, Tschechen, Südslawen weit entfernt. Das Ende
war die Auflösung des uralteu Ssterreichs. In den letzten Iahrzehnten
sind die Deutschösterreicher zu Hunderten von Malen ins Reich herüber-
gekommen und haben von den Deutschen im Nanren der Stammcsgemein-
schaft Verständnis für ihre schwere Stellung und Hilfe für ihre besondere
Politik erbeten. Verständnis haben wir nur wenig, viel zu wenig für sie
wie für Ssterreich überhaupt gehabt; Hilfe konnten wir ihneu so gut
wie nicht bieten, teils weil viele unter uns die innerösterreichischen „deutsch-
uationalen" Forderungen nicht billigten, teils weil machtvollc Hilfe, der
einen Partei gewährt, das Bündnis mit dem ganzen Staat ge°
fährdet hätte, das zur Sicherung des mitteleuropäischen Blockes geschlossen
war.

Nun kehrt mitten in der Auflösung alter Ordnungen der verwaiste öster-
reichische Bruder zurück. Ausgelöscht sind alle Hemmnisse, die früher die
Vereinigung der Stämme hinderten. Nicht mehr laufen wir Gefahr, eine
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