Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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uird schnrLckt Feuer des Auges urrü
des Mundes frerrndliches Lächelrr. War-
rrm soll rch rricht länger rroch, als der
am längsten dastand in der Fülle des
Lebens, mir im glücklichen Kampf ab°
wehrerr dcn verborgcnen Tod? Warum
nicht, ohne die Fahre zu zählen und
des Körpers Verwittern zu sehen, durch
des Willens Kraft festhalten bis an
den letzten Atemzug die geliebte Göt-
tin? Was denn soll diesen Unterschied
machen, wenn es der Wille nicht ist?
Hat etwa der Geist sein bestimmtes Maß
und Größe, daß er sich ausgeben kann
und erschöpfen? Nutzt sich ab seine
Kraft durch die Tat, und verliert etwas
bei jcdcr Bewegung? Die des Lebens
sich lange freuen, sind es nur die Gei-
zigen, wclche wenig gehandelt haben?
Dann treffc Schande und Verachtung
jedes frische und froh« Alter: denn
Vcrachtung verdient, wer Geiz übt in
der Iugend.

Verbündung für die Zukunft
Zu viele schmücken sich mit falschem
Schein des Besseren, als daß man je°

dem, wo sich Besseres ahnüen läßt, ver-
trauen dürfte; schwergläubig weigert
sich mit Recht dem ersten Schein der,
welcher Brüder im Geiste sucht; so
gehen sie oft einander unerkannt vor-
über, weil des Vertrauens Kühnheit
Zeit und Welt darniederdrücken. So
fasse Mut und hoffe! Nicht du allein
stehst eingewurzelt in den tiefen Bo-

den, der spät erst Oberfläche wird, es

keimet überall die Saat der Zukunstk
Fahr immer fort zu spähen, wo du
kannst, noch manchen wirst du finden,
noch manchen erkennen, den du lange
verkannt. So wirst auch du von man-
chen erkannt: der Welt zum Trotz ver-
schwindet endlich Mißtrauen und Arg-
wohn, wenn immer das gleiche Han-
deln wiederkehrt und gleiche Ahndung
das fromme Herz ermahnt. Nur kühn
den Stempel des Geistes jeder Hand-
lung eingeprägt, daß dich die Nahen
finden; nur kühn hinausgeredet in die
Welt des Herzens Meinung, daß dich
die Fernen hören!

Zur Unendlichkeit hin

Es gibt in dem Verhältnis des Men-
schen zu dieser Welt gewisse Abergänge
ins Unendliche, durchgehauene Aus-
sichten, vor denen jeder vorübergeführt
wird, damit sein Sinn den Weg finde
zum Universum, und bei deren Anblick
Gefühle erregt werden, die zwar nicht
unmittelbar Religion sind, aber doch,
daß ich so sage, ein Schematismus der-
selben. Geboren werden und sterbcn
sind solche Punkte, bei deren Wahr-
nehmung es uns nicht entgehen kann,
wie unser eigenes Ich überall vom
Unendlichen umgeben ist, und die alle-
mal eine stille Sehnsucht und eine
heilige Ehrfurcht erregen; das Uner-
meßliche der sinnlichen Anschauung ist
doch auch eine Hindeutung wenigstens
auf eine andere und höhere Unendlich-
keit.

Unsre Bilder

as außerordentlich schöne Bild von Ferdinand Hodler, das unsr«
(^Nfarbige Beilage zeigt, hat für jeden Deutschen jetzt eine symbolische Be-
deutung, an die der Maler nicht gedacht haben kann. Die Wehmut der
Spätherbststimmung als solche ist sein eigentliches Thema. Das Werk gibt
«in typisches Beispiel für den Hodlerschen Parallelismus und für die äußerste
Vereinfachung, die hier in den Linien fast nur mit Horizontale und Vertikale,
in den Farben fast nur mit klaren Komplimentärfarben arbeitet. Die meisten
Herbstbilder der alten Schule zeigten formenreiche, in sich mannigfaltig« „roman-
tische" Landschasten. Hodler aber hat hier gerade die scheinbare „Nüchternheit"
des Motivs durch Vereinfachung bei Parallelismus und Symmetrie zu er°
staunlicher Derstärkung der seelischen Stimmung bezwungen. Ein Maler älterer
Richtung hätte fich's auch kaum nehmen lassen, irgend eine .stimmungsvolle
Staffagc" auf den Weg zu setzen, Hodlers Weg suggeriert uns das Einsamkests-
gefühl gerade dadurch, daß sie hier fehlt, wo es Sommers, die Breite der Allee
zeigt es offenbar, belebt genug zuging. Linsam schreiten wir mit dem Gefühl
diese verlassen« Straße ab. Wie tief ist der Raum, wie weit führt sie bis
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