Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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ihm wohl das Todesurteil; aber von
dieser Vision kann es geschehen, daß
das Unnatürlichste, der Gattenhaß, zum
Schweigen kommt. Soll er darin mo-
dern, im Massengrab; nicht mehr zu°
rückkehren? And obwohl ihr dann die
Qual des Scheidungsprozesses erspart
bliebe — kann es sich ereignen, daß das
Unmögliche geschieht, daß das Todes-
urteil, das sie ihm sprach, vernichtet
wird und in ihrem Herzen nur die
Sehnsucht lebendig wird, die seine Wie-
derkehr wünscht, gereinigt von dem gro-
ßen Schrecken; der, den sie liebte, soll
ihr wiederkommen, nicht der, den ihr der
Sumpf verschlang. And es müßte wun-
derbar zugehen, wenn die gewaltige
Schicksalsfaust, die den Mann plötz-
lich aus tausend Beziehungen seines
alltäglichen banalen Lebens hinein-
schleifte in das Höllengebrodel ewiger
Vernichtung, nicht auf sein Herz träfe.
Ist er gestreckt, verwundet, in Todes-
nähe, so wird ihm Sinn und Ansinn,
Weisheit und Aberwitz und damit auch
die Bedcutung seines Liebens und Le°
bens in einer Art vor die Seele rücken,
auf die cr untcr andern Amständen
vielleicht bis zu einer fernen Todes-
stunde hätte warten müssen. Der Mann,
der den Kricg mitmacht, während gleich-
zeitig eine katastrophale Krise sein Ehe-
leben erschüttert hat, wird dort oder nie
der höllischen Vande ledig werden, und
es wird ihm vielleicht, während er
näher dem Drüben als dem Hüben
im Lazarett darniederliegt, der Sinn
des schlichten Spruches llar werden,
mit dem der Bund seiner Ehe ge°
schlossen wurde: »Sei getreu bis in
den Tod, so werde ich Dir die Krone
des Lebens geben«."

Nuhbau und Dombau!

ie alte Revolution hatte eine
brauntuchcne bürgerliche Sichcrheit
gegeben; der Krieg hatte mehr ge-
schlichtet als genommen; sie fühlten

beschäftigt das Nahen von Wissen-
schaft, Technik und Kapital und konn-
ten sich dem überlassen, was sie Re°
stauration nannten, und was der häß-
liche Nutzbau dcr übervölkerten, me-
chanisierungsdurstigen Welt war.

Der Bau wuchs; in den höchsten,
luftigsten und frechsten Geschossen des
Himmelskratzers sind wir geboren und
haben wir gelebt; jetzt bricht er nieder,
aus Mangel an Gerechtigkeit und or-
ganischer Kunst, die man verschmäht
hatte, hineinzubauen. Er hatte kein
Fundament, stand auf dem Schutt-
platz der französischen Revolution, die
Raum geschaffen hatte, aber keinen
Baugrund. Vis in seine höchsten Zin-
nen, die Nationalismus und Impe-
rialismus hießen, trug er keine Idee
in sich, nur ein empirisches Gleich-
gewicht der Kräfte; alles, was Idee
hieß, rankte sich äußerlich empor und
zermürbte seine Wände.

Keine neue Revolution kann uns
die Arbeit erleichtern; denn die Zcr-
störung ist da — wir brauchen sie
nicht zu rufen. Was gcfordert wird,
ist Arbeit, langsamer, heiliger Neu-
bau, Dombau. Aus tiefen, geheilig-
ten Herzen und neuem Geist. Nicht
aus der Frechheit, die sagt: „Laßt mich
nur, ich bin schlau und vernünftig; ich
will einmal versuchen." Nicht aus sat-
ter Interessiertheit, die sagt: „Wir
werden alles reparieren." Nicht aus
Stumpfheit und bürgerlicher Blöde,
die sagt: „Kommt Zeit, kommt Rat."

Die Schicksalsstunde webt nicht über
Schlachten und Konferenzen, Brand
und Löschung, sondern über der Bau-
hütte, über ihren Meistern und Ge-
sellen, dem Geheimnis ihres Grund-
und Aufrisses und dem Geist ihrer
Gemeinschaft. Der entscheidet die Iahr-
hunderte; deshalb haben wir vom
Geist zu reden.

Walther Rathenau

Unsre Bilder

ls ernstes Weihnachtsbild setzen wir vors Heft eine Liefätzung nach dcr
des Petrus aus Raffaels Stanzenbildern. Worte braucht's

^^dazu nicht.

Im übrigen mag einmal Georg Plischkc, der Schattcnschneider, Hcrr
des Heftes sein. Heute wird so entsetzlich viel in schwarzem Papier ge-
schnitten, daß wir uns mitunter fragen, ob wir mit der „Wiederbelebung des
Schattenrisses" nicht damals Schaden gestiftet haben, als nicht nur von Fröh-

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