Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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Und war dciul dcr Traunr dcr lctzten Iahre so unvergleichbar glückhaft?
Sein Iuhalt war: Macht, Herrschaft, Besitz, vermehrter Genuß, Gewalt wider
Andcrswolleudc; seine Aussicht für die Zukunft: neue Kriege, neuer Ruhm.
Seine Wirklichkeit wäre gewesen: in all dem neben Wohlstand nnd Macht
des Deutschen Reichs ein gewaltig Teil Unrecht und Veräußerlichung. Auch
Deutschland hatte es verlcrnt, dem Gcist zu dieneu und die schlichte Gerechtigkeit
zu wollen, die dcm selbstverständlich sein muß, der von Vorrechten nichts hält.
Unser „Bürgertum" war damit einverstanden, daß ein Teil unsres Volkes min-
dercn Rechts war, was den Polen, Elsässern und Dänen im Reich geschah,
stieß nur auf lauen Widerspruch, und „das Geschäft" ging vielen, vielen über
alles. Als im Haag der Versuch aufkam, Entschcidendes für den Frieden
zu tun, stand Deutschland abseits, eine ernsthafte Teilnahme schon an den
Problcmen der Völkerverständigung ohne Krieg galt als Zeugnis des Schwach-
sinns oder der närrischen Schwärmerci. Das waren Shmptome.

Nun, zu Wirklichkcit erwacht, laßt uns hinausblicken über den Tag nach
jener Zukunft, dic der Traum der Edelsten aller Zciten gewesön ist, die zu
erwirken auch unsre und wahrlich nicht zuletzt gerads unsre Aufgabe ist. Nichts
ist verloren, wenn wir nicht die Kraft verloren haben, der Freiheit, der
Gcrcchtigkcit, der Schönhcit, der Liebe zu leben. Die Freiheit von unver-
antwortlichcn und volksfremden Einzelncn und Schichten ist erreicht, die Frei--
heit zur Selbstverantwortung und völkischen Lebensgestaltung liegt vor uns;
reinen Sinnes können wir sie zu großen Taten nutzen. Der Weg steht offen,
der uns von dcr Ausbeutung dcr Millionen wegführen kann, die Möglichkeit
winkt, unser Volk aus der Enge ins Freie, aus der Tiefe zu den Höhen zu
führen. Nicht bedarf es der Herrschaft über Frcmde, nicht des Bcsitzes der
Schätze, dic Rost und Motten fressen, um an die Befreiung unsrer innerlichsten
Kräfte zu gehen. Wenn wir, gealtert, wenn unsre Kindcr und Kindeskinder dem
„Reiche Gottes" auch nur um einen Schritt näher sein werden, so wird die
Zeit des blutvergießenden Wahnes von heute und gestern auch denen nicht
mehr sinnlos sein, welchen heute noch das Erwachen ein „fürchterliches Tagen"
scheint. Wolfgang Schumann

Totenfeftgedankcn mit Zean Paul

dieseu Zeiten empfinden wir, daß auf unser Lebensgefühl alles an-
^^komme. Nur solange es bejahend in uns strömt, dürfen wir auch hoffen,
^Fdaß „neues Leben blüht aus den Ruinen". Dcnn die Fragen nach dem
„Sinn" von Leben und Tod können ja durch Verstand und Vernunft allein
nicht aufgelöst werden. Das Gefühl erst bringt die Entscheidung. Ie nachdem
man das Leben fühlt, wird der Tod als sein Gegensatz oder seine Fortsetzung
empfunden. Als Gegensah wird er von Schopenhauer gesehen, sofern er
Verneinung des Willens in sich ist; des Willens zum Leben. Wo dieses
bestehen bleibt und sich in blindcr Sucht bsjaht, gibt es keinen cigentlichen
Tod, sondern nur ein Wandern des Willens durch verschiedene Daseinsformen,
die sich in leidvoller Reihc unaufhörlich folgen. Für Schopenhauer ist dcr
Tod schlechthin das rcine Nichts. Ahnlich dachten auch die Buddhisten. Als
Fortsetzung des Lebens wurde dcr Tod von den Griechen cmpfunden; bei
dicsem sinnenbeglückten Volke blieb dic Vorstellung vom Tode ganz im sinn-
lichen Bereiche haften. Es konnte sich nichts Schöneres denken, als die Menschen-
welt mit den sonncnbeglänzten Leibern, dem farbenfrohen Meer, den lichten
Tempcln, den dunklen Zypresscn und dem ganzen blauen Himmel darüber.
Das Reich dcs Todes mußte der griechischen Sinnlichkeit wie mit cinem
Schatten übcrdeckt crscheincn, als eine in Sonncnlosigkeit dämmerndc Wclt.
So fanden die ganz dem Leben zugewandten Griechen weniger Anlaß, den
Todcsmythos zu vertiefen, als die Christen, denen der Geist alles und die
Sinne Sünde waren. Der Tod war ihnen die dunkle Kammer, in der wir
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