Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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jSterben des Ganzen geht. Die Mitarbeit also setzt zwingend voranS: Ge»
stalten aus den neuen Voraussetzungen.

Aralte Erkenntnis: es gibt keine Regierungsform, auch kein Negierungs-
prinzip, das schlechthin das bessere wäre. Iedes hat seine Bedingungen, und
wenn diese sich ändern, so muß es selber geäudert werden. Das „preußische"-
Shstem" hat für Deutschland sehr viel Segen, aber seit sich seine Voraussehungen
geändert habcn, hat es auch Unsegen gebracht, und nun ist es einfach Tatsache:
die Geschichte hat dagegen entschieden. Wiederkommen kann es so wenig, wie
die Erziehung der Iugendzeit dem Mannesalter. Und was an seine Stelle
tritt? Kein unbefangener Konservativer wird leugnen, daß auch das „demokra-
tische" Prinzip irgendwelche Möglichkeiten von Wert hat. Ob sie klein
oder groß sind, jedenfalls: wir haben jetzt keine andern Möglichkeiten
mehr, als die neuen, die Frage liegt demnach so: s i e zu benutzen oder ganz
zu verzichten. Diese Möglichkeiten durchzuprüfen, sie mit deutschem Eruste zu
verbessern, zu organisieren, auszubauen, auszunutzen, zu vervielfältigen, das
gilt es. Und das sollte in einer Stimmung geschehn, wie sie uns neulich
(Kw. XXXI, 23) Emil Fuchs gegenüber der Wahlrechtsfrage gezeigt hat. In der
Stimmung: „Ia, also!" Es ist die einzige, die den konservativen Kräften die
Mitarbeit am weiteren Gestalten der Nation verbürgt. Das wieder bedeutet:
die der Nation es sichert, daß ihre weitere Zukunft nicht vom Mit-sich-machen-
lassen geformt werde, wie das in Rußland geschieht. Wollten unsere Konserva-
tiven versuchen, vorn- oder gar hintenherum Bevormunduugen und Vorrechte
zu stützen oder wiederzuholen, dann freilich grüben sie endgültig ihr Grab.
Nird zögen die Werte mit hinab, um deretwillen wir ihre Mitarbeit wünschen:
die bewahrsamen Kräfte, die Pflegen könnten, was Geschlecht auf Geschlecht aus
menschlichem Wesen und deutschem Weseu an Tüchtigem und Ldelm in Mühen
emporgehoben hat, die alten Kulturwerte, die jetzt mit bedroht siud. Iene
Werte, deren Betätigung jetzt dafür arbeiten sollte, daß unsre weitere Geschichte
eine Entwicklung, daß sie ein echtes Wachsen sei von innen und aus
dem Ganzen heraus.

e^>un ist das große Umgestalten da. Prinz Max von Baden ist Reichskanzler,
»kl-nach allem, was man weiß, ein Mann von Gesinnungen, wie wir vom ersten
Kriegsjahre ab uns bemüht habsn, sie zum gemeinsamen deutschen Willen er-
heben zu helfen. Worin große Gefahr liegt: Kein langgeschulter und vielerfah-
rener Diplomat, während er doch den geschicktesten und skruppellosesten Köpfcn
entgegenzutreten hat. „Das andre" schien den beschließenden Männern wich-
tiger, und beim Erwägcn aller Ilmstände glauben auch wir: mit Recht. Ein
Koalitionsministerium hätten wir mit dem Gefühle weit lieber gehabt, als
eines aus der Mehrheit allein, doch erkennen auch wir, Üaß im Ministerium jetzt
vor allem eine Einheitlichkeit des Willens nötig war, um vorwärts zu kommen.
Negierung, Reichstag und Parlamente überhaupt machen nicht unser politisches
Gesamtleben aus, geschweige denn das Gesamtleben der deutschen Kultur, des
deutschen Volkes. Lernen wir in diesen Stunden der Gefahr jetzt endlich das
ehrliche Einander-Suchen, so wächst das Einander-Verbünden
von selber daraus, und damit aus dieser Schicksalsstunde in der Tat die Mieder»
geburt des besten und die erste Geburt des stärksten Deutschtums. A

Georg Simmel -s-

(geb. l. März 18SS, gest. 27. September 1918)

Philosophie Streben nach letzter Erkenntnis und letztgültiger,
Wertung der Wirklichkeit ist, dann verdiente von allen Ver-
tretern des Hochschulfaches Philosophie in erster Linie Georg Simmel
den Namen eines Philosophen. Das Streben und Ringen nach lehter Klarheit
und alles umfassender Allgemeinheit der Begriffe und Entscheide gab seinem
ganzen geistigen Leben die in jeder Berührung mit ihm spürbar« Spannung.
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