Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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fühlen trotzdem noch die Hand des Unerkannten auf uns fchwerer lasten,
als wir verdient haben. Aber fo wenig ein Goethe ein „Frommer" im
Sinne dogmatischer Beschränktheit war, so wenig braucht man heute einer
zu sein, wenn man an eins seiner tiefsten Worte denkt, „von jener Kraft,
die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Was wissen wir denn
von dem, was wird? Was davon, wie unsre Kindeskinder einmal das
Gebilde bewerten können, dessen Keime jetzt noch auf den Wassern schwanken?
So sicher wie: daß unser Fuß auf diesem Boden steht, so sicher wissen wir nur
eins: das zerbrochene und zerfahrene Abgelebte kann nicht wieder erstehn.
Hin also mii allen Gedanken, mit allen Gefühlen, hin mit dem deutschen
Willen zum Werdenden! Daß die großen Gedanken, die Amerika auf»
genommen hat, nicht in Cantgesängen verhallen, daß alles von ihnen
verwirklicht werde, was sich verwirklichen läßt und so gut, wie das möglich
ist, dafür der deutsche Wille und seine Arbeit! Da hinein die deutsche
organisierende, da hinein die deutsche produktive Kraft! Wenn schon das
alte Deutschland so viel geschaffen hat, was wird das neue leisten können,
das endlich Volkswirtschaft auch mit geistigem Gute treibt! „Gott erzieht,
indem er Aufgaben stellt" — unsrer Iugend den Weg dafür bahnen
helfen können wir alle. Die größte Zeit des Deutschtums liegt nicht hinter
uns, sie liegt vor uns, und vielleicht dürfen auch unsre Augen in ihr
gelobtes Land wenigstens aus der Ferne sogar noch sehn. A

Llnsre Trümpfe und die neue Ordnung

M»^m zu beurteilen, wie die innerpolitische Neuordnung in Deutschland
I I auf die Kriegsprobleme wirken wird, muß man danach fragen, wie
^^das, was in diesem Kriege zu unsern Gunsten sprach, unsre moralischen
Positionen sozusagen, bisher zur Auswirkung gekommen ist und wie wir
hoffen können, daß die neue Ära es behandelt.

Cs lagen füns Trümpfe für uns im Spiel.

Vor allem der unbedingte Verteidigungs-Charakter, den dieser
Krieg für uns hatte und nie verlor. Am deswillen die große Einigkeit der
ersten Kriegszeit war. Wir waren im Recht und fühlten es. Dann kamen
die Begehrlichkeiten. Man wollte ein „Ziel" haben und sah nicht, daß,
was so Großes wie den H. August bewirkt hatte, eben die Abwesenheit
eines Kriegszieles war. Die Not des Vaterlandes hatte uns geeinigt.
Ietzt sollte es auf einmal nicht mehr die Not und die Verteidigung sein,
sondern da ein Stück Land nnd da ein Fetzen Boden, da Bergwerke und
da Befestigungen, da Kolonien und da Küsten, — alles Dinge, die unser
friedliebendes Volk doch nur sehr teilweise reizten, die man, wenn das
Glück günstig war, erwerben, die man auch lassen konnte, um die jeden-
falls der Kampf nicht ging. Gewiß waren wir in der Kolonialfrage, in
der Frage der Freiheit des Meeres und vielleicht auch sonst noch hier
und da ungerecht zurückgestellt. Es mag ein Unsinn sein, wenn das kleine
Belgien oder das sich entvölkernde Frankreich ungeheure Kolonialreiche
halten oder wenn sechsundvierzig Millionen Engländer nahe an vier-
hundert Millionen Fremde beherrschen, während unsre fast siebzig Mil-
lionen sich mit einem kleinen Restbestand begnügen mußten,- oder wenn
das kulturell tiefstehende Rußland ungeheure Landmassen kultivieren sollte,
während unsre hochstehende Kultur keine Aufgaben erhielt. Aber alles dies
hätte uns nie zum Kriege veranlaßt, hätte und hat uns lediglich vermocht,

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