Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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Wir können zeigen, was die Russen nicht zeigen konnten. Wir werden
eine neue rnenschenwürdigere Ordnung der Volkswirtschaft herstellen, be-
dächtig, Schritt für Schritt, lieber etwas zu langsam nnd dafür um so
sicherer, als vorschnell und damit der Reaktion ausgeliefert. Diese neue
menschlichere Ordnung wird unter den Völkern werben. Der Gegenstand
des Völkerhasses wird der Gegenstand der Völkerverehrung werden. Und
die Zeiten kehren wieder, wo man wie in Goethes Tagen nach Deutschland
pilgern wird als in das gelobte Land des Geistes.

Bis dahin haben wir noch dunkle Tage. Wir sind vorläufig wehrlos und
müssen vieles hinnehmen. Man glaubt wohl selbst nicht, daß das immer
so sein wird.

Aber wie dem sei. Es ist etwas in uns, das sich recken will. Es singt
etwas in unseren Knochen als ein Gefühl übermütig wachsender Kraft.
Ein Doppelgefühl: „Laß fahren!" sprechen wir zum Alten. ,.Es muß uns
doch bleiben!" zum Neuen, so gering es scheine. lind es wird wachsen.

B o n u s

Das Ende des Militarismus

^<^as Ende ist da, der Schleier des vierjährigen Geheimnisses ist ge°
Hlüftet. Es ist ein Ende mit Schrecken, weit schrecklicher, als es auch
diejenigen erwarteten, die seit der Marneschlacht, dem Eintritt
Amerikas in den Krieg und der sichtbar werdenden Ermüdung der Bun--
desgenossen einen Sieg immer unmöglicher fanden und daher eine recht-
zeitige Beendigung auch unter Opfern für Gewissenspflicht gegenüber un-
serem Volke hielten.

Der Zusammenbruch auch Deutschlands ist heute vollendete Tatsache.
Aus dem militärischen Zusammenbruch der Front und der Bundesgenossen
ergab sich der Zusammenbrnch auch des längst unterhöhlten politischen
Systems. Niederlage und Revolution sind auch unser Schicksal geworden.
Seit die Schwierigkeit unserer Lage nicht mehr zu verbergen war, haben
die Menschen mit derselben Kindlichkeit, mit der sie bisher sür einen Sieg-
und Machtfrieden schwärmten, sich mit ihren Hoffnungen auf Wilson und
den Völkerbund gestürzt, die beide vorher von allzuvielen nicht genug
verhöhnt werden konnten. Mit den Waffenstillstandsbedingungen ist die
Enttäuschung auch hier eingetreten. Als ganz klares und sicheres Ergeb-
nis ist daher bis jeht nichts zu bezeichnen als die Revolution. Möglich, daß
sie und ein zu hoffender günstiger, geordneter Verlauf uns einen etwas
besseren oder doch erträglicheren Frieden bringt, möglich, daß der in den
Waffenstillstandsbedingungen zum Ausdruck kommende Rachegeist einer
weitsichtigeren Politik der Völkerversöhnung wieder weicht, möglich, daß
die Gefahren des Bolschewismus für die ganze Welt die Entente veranlas-
sen, bei uns Ordnung und Lebenskraft in ihrer Selbstherstellung zu unter-
stützen. Lauter Möglichkeiten, die uns nur die Schwere der Niederlage
zeigen. Wir haben unser Schicksal nicht mehr in der tzand oder können
es doch nnr schwer wieder in sie bekommen. Nachdem unsere herrschenden
Schichten es verschmäht hatten, den unvermeidlichen Folgen eines radikali-
sierenden Massenkrieges durch demokratische Reformen rechtzeitig vorzu-
beugen und aus der Höhe der militärischen Siege elnen Frieden großer
Mäßigung zu schließen, war wenig Hoffnung mehr. Es war nun einmal
so,- die herrschenden Schichten wollten nur das Entweder—Oder, radikalen
Sieg oder radikale Niederlage. Den Eroberungsgedanken versteckte man

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