Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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nach dem Sturze der alten militärischen Herrenkaste wieder Ordnung und
Zukunst.

Bis diese Zeilen vor die Augen des Lesers kommen, wird vieles Wei-
tere geschehen sein. Der Voraussage sind enge Grenzen gezogen, da die
schrecklichen Waffenstillstandsbedingungen uns mit einer übereilten De°
mobilisation bedrohen und deren Folgen nicht vorauszusehen sind. Aber
das Eine kann man sicher sagen: wer nicht auf das Leben selber verzichten
und einsam trauern und verkümmern will, der muß tätig und lebendig
sich an den neu ausstrebenden Kräften beteiligen. Es ist ein unendlicher
Grund von Kraft und Tüchtigkeit im deutschen Volke. An ihn muß man
glauben und ihn muß man in eigener Arbeit mehren. Dann kann aus
dieser dunkelsten Stunde unserer so unendlich leidensreichen nationalen
Geschichte doch immerhin wieder ein Licht aufsteigen. Es wird dasselbe Licht
sein, das Kant und Fichte, Schiller und Goethe entzündet haben und das
uns durch eine neue Leidenszeit der gefährdeten politischen Existenz hin-
durchleiten muß zu Kraft und Freiheit des Geistes. Bleibt der Geist lebendig,
dann ist nichts verloren.

Berlin, s6. November s9i8 Ernst Troeltsch

Freie Kulturarbeit nach dem Kriege

Ein Ausblick in die „neu orientierte" Zeit

soll weder von der staatlich gelenkten Kulturarbeit gesprochen werden,
UA^Wie sie im Schul- und Hochschulwesen am sichtbarsten sich vollzieht, noch
^^von der „gewerbsmäßigen", wie sie etwa der Buchhandel betreibt. Nur
von der freien, auf dem Vertrauen größerer Gesellschaftschichten zu kultur»
politischen Führern aufgebauten, in Vereinen, Bünden und Organisationen
aller Art betriebenen Kulturarbeit sei die Rede. Bon jeher war das letzte ideale
Ziel echtcr Kulturarbeit das Wohl des ganzen deutschen Bolkes. Nicht eine
kleine, irgendwie abgegrenzte Schicht, das „ganze Deutschland soll es sein",
dessen Gesundheit, Freude, Bildung, Geistigkeit und Leiblichkeit man fördern
will. In den letzten Iahrzehnten vor dem Kriege waren auf diesem unüber-
sehbarcn, vielgestaltigen Felde große, bedeutsame Ernten eingebracht. Der
Segen und Ansegen der Milliarden von Ml hatte zwar den ästhetischen
Wert der inhustriellen Erzeugung gemindert, ihre rasche Lntwicklung kam
aber trotzdem und trotz der Rückschläge nie zum Stehen. Iahr für Iahr
legte die Nation ersparte Millionen über Millionen in immer neuen Produk°
tionstätten an, obwohl sie daneben noch mit ihres Fleißes Früchten eine der
Bevölkerungzisfer entsprecherrd wachsende und den zunehmenden Ansprüchen
entsprcchcnd sich verfeinernde Menge von Bedarfsware bezahlte. So
haben wir ein nach Schnelligkeit und Dichtigkeit unvergleichliches Wachstum
der Volkswirtschaft erlebt. Es hat uns mit einem Äberfluß beschenkt, dessen
man sich ganz doch erst jeht bewußt geworden ist, soviel auch fchon vor 1914
gegen „Luxus", Verweichlichnng und Verwöhnung Lesagt worden scin mag. Eine
solche Zeit hemmunglosen Änternehmertums, in der für alles und für jed«
Arbeitskraft, Kapital und Nachfrage da war, bot der freien Kulturarbeit die
verlockendsten Aussichten. Gewiß, gegen Lnde der achtziger Iahre waren die
ästhetischen Ansprüche der Gesamtheit auf ein jammervolles Mindestmaß
herabgesunken, wir bemerkten nicht minder, daß die V o l ks b i ld u n g, seit
langem in leiser Erstarrung, den Problemen der neuen und immer „neueren"
Zeit nicht mehr angepaßt wurde, im Sturm einer ganz auf Erwerb und Gewinn
gcstellten „freien" Willkürwirtschaft schien ein großer Teil des ererbten Gutes
an Gesinnung verloren. Aber das alles brauchte niemand mit weltabge-
rvandter Wehmut anzusehen, der n«ch einige Willenskraft in sich fühlte; viel-
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