Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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alte österreichische Art, in der man nu.nmchr eine notwendige (Lrgänzung des
spröden norddentschen Wesens sucht. Der duldsame „österreichische Mensch"
wird jetzt als Lehrmeister gepriesen, nicht etwa nur für die nnaufdringliche
Kulturarbeit, die man noch immer in unserem Sprachgrenz- und Sprachmisch-
gebiet finden kann, sondern geradezu für einen neuen Geist des Einfühlens
und Verstehens, einen Geist der Güte, der die Seelen der Völker gewinnt
und der in Ssterreich, wie man meint, allenthalben sich ausbreite. Man redet
es Hanslik nach, daß Güte im Wesen der slawischen Volksseele liege, so wie
Ehre den Romanen, Treue den Germanen am meisten gelte. Man sncht diesen
österreichischen Geist daher vor allem nnd findet ihn nach Wunsch bei unseren
Mitvölkern. Iust nnr wir Dentschösterreicher sollen den Geist der Güte ver-
kennen, indem wir Ostmenschen gewaltsam zu Westmenschen umzuschmieden
suchen, indem wir nach Herrschast und Unterdrückung streben, indem wir
österreich zu einem deutschen Nationalstaat machen, ja geradezu einen Kon-
kurrenzstaat gcgen das Hohenzollernrcich schaffen wollen!

Wir sind gewohnt, schiefe Urteile lächelnd zu ertragen, auch wenn sie von
ehrlichen und unehrlichen Nörglern in unserer Mitte ausgehen oder von ihnen
aufgcnommen werden. Was uns zum Reden zwingt, ist nicht die Gefahr
sür uns. Es ist die Gefahr für das deutsche Volk im Reiche, datz es durch
Trugbilder irregeleitet wcrde, zum Schaden für die Weltstellung des Deutsch-
tums, aber auch für die Geltung des Dentschen Reiches.

Propheten dcs ^österreichischen Menschen" sind zunächst weltbürgerlich emp-
findende Literaten österreichs, die deutsch schreiben und zum Teil auch nach
Geburt und Volksgefühl Deutsche sind; Kriegsgegner und Friedensfrennde,
Nltschwarzgelbe unü „Nenösterreicher". Sie erblicken im Allvölkerbund —
dem katholischen oder dem sozialistischen oder dem demokratischen — das Heil
der Welt, im österreichischen Viclvölkerstaat Vorbild und Vorstufe dazu. Und
wie sie in dcn Greueln des Weltkrieges den Weg zu Dauerfrieden und Mensch-
hcitsorganisation einer nahen Znkunft sehen, so im Fieber des österreichischen
Völkerstreites eine genesungbringende Krise. Der Kampf ist ihnen nur eine
Erscheinung der Oberfläche, nnter der die Sehnsucht aller nach dem innigen
Miteinander und Füreinander des idealen Völkerstaats immer stärker anschwillt.
Sittlich und organisatorisch steht ihnen der Nationalitätenbnndesstaat höhcr,
«ls der nationale Volksstaat. Die Wesenhcit des Dentschen Neichs ist daher
ihrem Verständnis und ihrcm Empfinden fremd, aber auch der nüchterne
Ordnungs- und Wirklichkeitssinn, die phrasenfeindliche Sachlichkcit des Nord-
deutschen. Sie bekämpfen dcn „Militarismns". Die Führung im künftigen
Mitteleuropa und bei den weitcren Auswirkungen des „bündischen Vrinzips"
haben sie dem schmiegsamen Weltösterreichertnm zugcdacht. Ihre Lehren wissen
wcit weltkundigere Politiker gnt für ihre Parteizwecke zu erwecken: altultra-
montane und sozialdemokratische Gcgner des deutschösterreichischen Bürgertums
und zuglcich des Deutschen Rcichs. Daß die deutsche Sozialdemokratie in
Ssterreich von solchen geführt wird, zeigt sich nach Pernerstorfers Tod, Otto
Bauers Heimkehr und dem Machtgewinn ihres linken Flügels immer deutlicher.
Auch außerhalb dieser Partei findet das Idealbild dcs „österreichischen Men-
schen" insbesondcre bei den Iuden Anklang, die sich in mehrsprachiger Gewandt-
hcit zumeist von dem nationalen Kampf innerlich frci zu halten wissen. Aber
starke nationale Bewegungen erschweren das auch ihnen und wenden sich
leicht gcgen sie selbst. Ihre Eigenart und Geschichte weist sie aufs Weltbürger-
liche. Die klugcn Führer der österreichischen Slawen endlich haben rasch ge-
lernt, das Kleid des „österreichischen Menschen" anzulegen und sich damit vor
Krone und Rcgierung, vor allem aber vor der reichsdeutschen Offentlichkeit
in ein freundliches Licht zu stellen. Sie versicherten, nur die Versöhnung
und Gleichbercchtigung der Völker zu wollen und den Deutschen die Vrudcr-
hand zn reichen, wenn nur die Nnterdrückung ihrer eigenen Nationen bc-
seitigt werde und diese mit dem Selbstbestimmungsrecht auch den gebührenden
Anteil an der Leitung des Staates erhalten. Das ist alte Taktik. Mo immcr

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