Deutscher Wille: des Kunstwarts — 32,1.1918

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wertvoller, als jeLerlei VerstänLigung init anderen Völkern auf Kosten der
Auslanddeutschen. Ie fester jene standhalten, desto eher müssen die Nachbarn
erkennen, daß ihr eigenes Wachstum nicht ins Ungemessene gehen kann, sondcrn.
daß ihr nngestümer Ausdehnungsdrang ein Iugend- und Entwicklungsstadium
bezeichnet, das überwunden Werden muß zugunsten reiferer Kulturarbeit. Eine
Preisgabe des Deutschtums aber muß ihre Eroberungslust nur steigern und
kann ihre Achtung vor den Dentschen nicht erhöhen. Ie größer aber diese,
desto eher werden sie sich mit ihnen verständigen wollen. In ihrer heutigen
rein nationalen Weltanschanung können sie gar nicht verstehen, daß ein großes
Volk gleichgültig gegen seine «igenen Glieder sein kann. In der Verleugnung
des kulturellen und politischen Zusammenhangs mit einem abgesprengten Volks-
teil, die sie nicht über sich bringen nnd die auch viele „unbefangene" Deutsche
von ihnen, z. B. den Italienern, nie verlangt haben, können sie nur ein Ein-
geständnis Ler Schwäche, das Verachtnng herausfordert, oder hinterlistige Tücke
sehen, die sie zum Haß reizt. Hat man doch auch die Friedenspolitik dcr Mittel-
mächte so verstanden! Viele Dentsche haben vordem die Balten so wie heute
die Deutschösterreicher beurteilt und alle Verleumdung über das „herrschsüchtige
Herrenvolk" unbesehen übernommen. Und wer empfindet nicht heute, wie
stark das „Desinteressement" an der Mißhandlung dieser nun geretteten Kultur-
insel Ansehen und Kraft des Deutschtums und des Neichs geschädigt hat,
aber auch wie starke und hoffentlich noch lange wirksame deutsche Kräfte man
im Begriff war, selbst vernichten zu helfen! Das warnt wohl eindringlich genug
davor — hier fließen kulturelle, wirtschaftliche und politische Gedankengänge
zusammen —, eine starke Stellung des Deutschtums wo immer im Stich zu
lassen, sei es weil man ihr und sich nicht zutraut, sie uuter allen llmständen
behaupten zu können, sei es, weil man mehr auf Luftschlösser baut.

Daß gerade künstlerisch empfindende Menschen, welche die Dissonanzen in
ihrem politischen Lebensraum schwer nehmen, in dem Wunsch nach ihrer
Auflösung leicht der Verführung zu Selbsttäuschungen, wie der Traum vonr
„österreichischen Menschen", verfallen, verstehen wir durchaus. Wir verstehen
auch, wie der Wunsch, im eigenen Volk Vollkommenstes zu sehen, sie gerade
gegen dessen Angchörige lcicht unbillig macht. Aber sie sollten auch erkenneu,
daß unserc Staats- und Kulturpolitik, die uns über die Nation hinausblicken
läßt, auch aus dem Streben entspringt, eine Harmonie herzustellen. Diese läßt
sich iu Österreich, wie wir meinen, nur gewinnen (und trotz der Ausgeburten
höllischen Deutschenhasses, wie sie die tschechische Nahrungssperre u. a. zeigt,
noch immer gewinnen), wenn wir den Staat kräftig in den Mittelpunkt
stelleu und Achtung erzwingen denen, die seine Wardeiue sind, den Deutschen
selbst. Wir haben es heute schwerer als vordem; denn eine alte Harmonie ist
zerrissen und die neue muß noch geschaffen werden. Vor 1866 hatten wir die
unmittelbare Arbeitsgemeinschaft mit den Stammesbrüdern jenseits der Grenze.
Wer von ihnen zu uns kam, kam als Deutscher zu Deutschen uird arbeitete mit
uns als Glied der Nation. Hente kommen sie als Ausländer, sehen in uns
vielfach nur die Ausländer und werfen uns als Österreicher in cinen Topf
mit denen, die unseren Vätern fremder waren, als sie. Für uns bei und
unter diesen zu arbeiten liegt ihnen ferne, wie „auswärtige Angelegenheiten".
Die andern Völker aber fühlen nationaler als je, sie sehen in uns und iir den
Reichsdeutschen, auch wenn sie diesen auf unsere Kosten schmeicheln, doch vor
allem, ja nur: Deutsche. Das verhindert die erträumte Verschmelzung der
Völkcr zu einer österreichischen „Nation". Es erschwert aber auch die mögliche
ruhige Zusammenarbeit, deren Voraussetzung Verstehen und Vertrauen ist.
Die Ssterreicher der Zukunft müssen zu dieser gelangen, wenn alle Vülker dem
Beispiel des Deutschtums folgen: nicht Österreicher schlechtweg, aber auch uicht
Nurtschcchen, Nurslowenen oder Italianissimi dürfen sie sein; wie wir Deutsch-
österreicher, so müssen sie bewußte Slawischösteri'eicher uud Welschösterreichcr
sein wollen.

Graz Robert Sieger

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