Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

Page: 94
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dtbrd_nds_bd10_1/0100
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Adolfstraße und der angrenzende Bereich
Das Gelände Molthan-, Kommandatur- und
Adolfstraße wurde als ehemaliger Teil des
„Adolfswalls" erst im 2. Viertel des 19. Jh.
besiedelt. Etwa 1830 war die Adolfstraße
bis zum Rest des Grabens soweit fertigge-
stellt, daß Gebäude in diesem Bereich ent-
stehen konnten. Wohl erst in der Mitte des
19. Jh. füllte man den Graben vollständig
auf, so daß die verlängerte Adolfstraße den
Platz „Vor der Ihmebrücke'' erreichte und
damit zwischen Linden und der Stadt Han-
nover mit Schloß, Waterlooplatz eine neue
Verbindung ermöglichte, die ihre eigentliche
Bedeutung erst mit der Anlage der Kar-
maschstraße im späten 19. Jh. erhielt.
Zunächst entstanden an der Adolfstraße Mi-
litärgebäude (z.B. 1829/30 das verlorene,
von Ebeling erbaute Offizierskasino) und
anspruchsvolle Wohnhäuser (wenig später
zum Ernst-August-Palais umgebaut) in der
Nähe des Leibniztempels auf dem heute als
Parkplatz genutzten Gelände. Aus dieser frü-
hen Phase der Besiedlung steht noch ein klas-
sizistisches, 1833/35 von Gersting erbautes

Wohnhaus (Adolfstraße 5), ein dreigeschossi-
ger Putzbau mit sieben Achsen zur Adolf-
straße, dem sowohl die Putzfassade als auch
eine Tür und das originale Treppenhaus er-
halten blieben.
Das Gebäude Adolfstraße 8 gehörte wieder-
um zum militärischen Bereich. 1859/60 von
H. Hunaeus (nach Plänen von Ebeling?)
als Militärbekleidungskommission errichtet,
diente es bereits 1864 als Hilfslazarett (das
Hauptlazarett auf der gegenüberliegenden
Straßenseite ist inzwischen zerstört und
durch Neubauten ersetzt). Dieser zweifarbige
Rohziegelbau auf quadratischem Grundriß
mit mittigem „Oberlichttreppenhaus'' be-
sitzt ein hohes Souterrain. Die kubische
Grundform gliedern risalitartige, dreieinhalb-
geschossige Verbreiterungen der Nord- und
Südseite, zwischen denen die eingezogenen
dreigeschossigen Abschnitte der Ost- und
Westseite wie Verbindungstrakte erscheinen.
Die Bauteile liegen unter unterschiedlichen
flachgeneigten Dächern, denen an den bei-
den Hauptfassaden die Staffelung zu einem
mittigen Dreiecksgiebel entspricht. Die Fas-
sadengliederung steigert sich vom relativ

sparsam behandelten sockelartigen Erdge-
schoß über differenzierte Fensterkombina-
tionen zur vergleichsweise feinteiligen, gala-
rieähnlichen Verblendung des Drempels, wo-
bei sich an den beiden Hauptfassaden jeweils
der mittlere Abschnitt durch besondere Viel-
falt auszeichnet. Den wenigen geometrisie-
renden Dekorformen diente — will man hi-
storische Stile als Vorbilder heranziehen —
Romanisches als Anregung.
Dieser freistehende und von der Straße zu-
rückliegende Bau gilt als typisches Beispiel
des Rundbogenstils hannoverscher Prägung,
von dem nach den Kriegszerstörungen nur
noch wenige Exemplare erhalten blieben. Er
bildet mit dem Wohnhaus von Gersting
(Adolfstraße 5) und den mehrgeschossigen,
großstädtischen Wohnhäusern Adolfstr. 6,
Dachenhausenstr. 14, Adolfstr. 7 und 8a
(Gebäude aus dem letzten Jahrzehnt des 19.
bzw. dem frühen 20. Jh., Nr. 8a wahrschein-
lich von Christoph Hehl) eine heterogene
Baugruppe, die in ihrer städtebaulich-pro-
spektiven Wirkung die alten, heute durch die
Anlage der Gustav-Bratke-Allee entwertete
Verkehrsverbindung zwischen der Ihme-
Brücke und Hannover-Mitte deutlich macht.


Adolfstraße 8, ehemaliges Hilfslazarett,
1859/60, Architekt H. Hunaeus


Adolfstraße 5, 1833/35, Architekt Gersting

Adolfstraße 8a, 8


Die Besiedlung der angrenzenden Straßen
(Dachenhausen-, Kommandanturstraße) voll-
zog sich etwa um 1900. Die Dachhausen-
straße bildete die Ostgrenze eines weiteren
Militärbereichs, der zwischen Adolf-, Calen-
berger- und späterer Humboldtstraße lag;
hier steht noch ein Verwaltungsbau (Hum-
boldtstraße 3), vom Ende des 19. Jh., der
zur Militärlehrschmiede gehörte.
DIE NORDWESTLICHE VORSTADT
GLOCKSEE
Die Glocksee zog sich von der alten Ihme-
brücke in nördlicher Richtung zwischen Be-
festigung und Ihme bis zur Leine hin. Die
Haupterschließung des mit Gärten besetzten
Bereichs erfolgte über die Glockseestraße,
die vor dem Calenberger Tor abzweigend, zu-
nächst vom Ravelin in die Nähe der Ihme-
brücke gedrückt, nach Norden bis an die
Leine führte, wo sich heute vorwiegend
Wohnbebauung aus der Nachkriegszeit fin-
det. Die bereits um 1700 als Fahrweg vor-
handene Straße hat bis auf den eigentlichen
Abzweig im südlichen Abschnitt ihren histo-
rischen Verlauf bewahrt, während die Fort-
setzung jenseits der Königsworther Straße
weitgehend begradigt erscheint.
Von der alten Gartenhausbebauung, die be-
reits im 18. Jh. vorhanden war, hat sich
nichts erhalten. Allerdings findet sich am
heutigen Straßeneingang die klassizistische
Villa Rosa (Glockseestr. 1), ein 3:5 achsi-
ger, zweigeschossiger Putzbau auf Keller-
sockel und unter Sattelwalmdach. Die rück-
wärtige Eingangsseite wurde um 1870 ver-
ändert. Seine nach Südosten gewandte
Haupt- und Gartenfassade zeichnet ein drei-
achsiger, glatt geputzter Mittelrisalit mit
Bogenstellung im Erdgeschoß und Dreiecks-
giebel aus. Die äußeren Fenster nehmen die
Bogenform als Muschelbekrönung auf, wäh-
rend die Fenster des Obergeschosses jeweils
eine gesimsförmige Verdachung abschließt.
Im feinen Kontrast zum Risalit sind die an-

94
loading ...