Die Gartenkunst — 32.1919

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materiellen Unterschied ist die Landschaftszenerie
des Malers etwas ganz anderes als die natürliche
Landschaft. Die Behauptung, daß die vom Maler
als Motiv benutzte Landschaftsszenerie besonders
schön sein müsse, ist nur bedingt richtig. Der
Maler und Plastiker stellt nicht nur das Natur-
schöne, sondern auch das Gemeine und Häßliche
dar. Der materielle Unterschied ist außer der Um-
wertung ein Grund dafür, daß der Künstler häß-
liche Naturobjekte zur Kunstschönheit erheben kann.
Ein sonnendurchglänzter Misthaufen mit den feisten
Leibern der Schweine ist auf den Zügelschen Bildern
zur Kunst geworden. So ist auch ein zu Kunst ge-
wordenes Landschaftsbild nicht ohne weiteres ein
Vorbild für den Gartenkünstler. Bei der Tanzkunst,
Schauspielkunst trifft dieser materielle Unterschied
nur teilweise zu. Hier ist der wesentliche Teil des
Kunstwerkes der Mensch und des Naturobjekt ist
ebenfalls der Mensch, allerdings durch Umgebung
und Rahmen aus der Natur herausgehoben und an
engstem Raum gebunden. Auch beim Garten ist
das wesentlichste Naturobjekt und Kunstobjekt die
lebende Pflanze. Durch die Einfriedigung und durch
das Haus ist der Garten wiederum aus der Natur
herausgehoben und an einen relativ engen Raum
gebunden. Diese Gleichheit des lebenden Materials
hat oft zu folgender Behauptung geführt: Wir ge-
stalten mit lebendigem Material, und deshalb müssen
wir die Pflanzen natürlich anordnen. Sie sollen sich
ihrer Art nach ausleben können. Dazuist zu bemerken,
daß die Pflanzen im Stilgarten durch Standort und
Kultur gleiche und bessere Existenzmöglichkeiten
finden können als in der Natur. Unter Hinweis auf
die Ausführung über Umwertung gibt es nur die
Antwort: Gerade weil wir mit lebendigem Material
arbeiten, müssen wir uns um so bewußter in einen
Gegensatz zur Natur stellen, unter stärkster Be-
tonung der Gesetzmäßigkeit, um zur künstlerischen
Wirkung zu gelangen, (wie es auch die Schauspiel-
und Tanzkunst bewußt machen). Außerdem muß
bemerkt werden, daß im Garten Luft, Boden,
Wasser, Stein, Holz etc. als totes Material eine
fast gleichberechtigte Rolle neben der Pflanze spielen,
ganz abgesehen von den Zutaten der anderen
Schwesterkünste, die in Gestalt plastischen und
architektonischen Schmuckes eine wichtige Rolle
spielen. Der Kunstgarten hat die ganze Natur,
nicht allein die Pflanzenwelt zum Vorbild. Letzteres
nehmen die Fachleute als Kultivateure zu gerne an.
Ein wichtiger Unterschied beim Vergleich des Kunst-
und Naturobjektes ist die oben angedeutete Raum-
frage. Selbst wenn ein naturalistisches Gestalten als
Ziel der Gartenkunst zugegeben würde, müßte dies
an der Raumfrage scheitern. Aus diesem Grunde
erscheint der Naturgarten spielerisch, oft geradezu
komisch.

Ich kann nicht umhin, in diesem Zusammenhang
auch die Ursachen der Ausbreitung des Naturgartens
innerhalb der geschichtlichen Entwicklung des Kunst-
gartens anzudeuten. Würden wir die Entwicklung
des Gartens in einer Kurve darstellen und als Basis
reinsten Naturalismus annehmen, so würde, wie alle
Künste, die Gartenkunst in ihrem Abwenden und
Zuwenden zum Naturalismus eine auf- und abstei-
gende Kurve darstellen, deren höchste Höhen die
höchsten Blüten bezeichnen.

Als um 1500 in Italien die Wissenschaft einen
gewaltigen Aufschwung zu nehmen begann, äußerte

sich diese Kulturwelle im Garten durch das starke
botanische Interesse. Wenn auch die pflanzlichen
Bestände dieser Gärten längst verschwunden sind
und kein sicheres Urteil über ihre Beschaffenheit
zulassen, so weisen die Beschreibungen der Gärten
dieser Zeit doch auf eine mehr naturalistische Ver-
wendung des pflanzlichen Materials hin. Trotzdem
der Gesamtaufbau der Gärten ein klarer und strenger
bleibt, so zeigen die Gärten der Frührenaissance
immerhin bezüglich der Verwendung der Pflanzen
in der Entwicklungskurve eine Annäherung an die
naturalistische Basis auf. Mit der großen Kunst-
epoche der italienischen Hochrenaissance erreicht
die Hauptentwicklungskurve des Gartens mit seinen
Ausläufern des französischen, englischen, hollän-
dischen und deutschen Renaissancegartens seine
höchsten Höhen, um dann über den Barock und
Rokoko zum englischen Landschaftsgarten mit seinen
deutschen Ausläufern in einer absteigenden Kurve
schließlich die Grundbasis des reinsten Naturalis-
mus zu erreichen. In England und später in Deutsch-
land hat man erst wieder um 1900 die verlorenen
Fäden des italienischen Renaissancegartens auf-
gefunden und den Ansatz zu einer aufsteigenden
Kurve begonnen.

Der Keim für die künstlerisch kranke Zeit des
Landschaftsgartens war hauptsächlich die Übersät-
tigung und Künstelei der Rokokokultur, die in ihrer
spätesten Zeit zur Formlosigkeit herabsank. Anstatt
auf einfache künstlerische Formen zurückzugreifen,
wie die Baukunst im Empirestil, (Streben nach ein-
fachen und reinen Formen der Antike), schüttete
man in der Gartenkunst das Kind mit dem Bade
aus und verfiel in den reinsten Naturalismus, der
verstanden werden kann durch Rousseau’s Ruf
„zurück zur Natur“. Diese Parole, die Sucht nach
Neuem und das Bekanntwerden der chinesischen-
japanischen Kultur (Porzellan) versetzten dem letzten
Rest künstlerischer Gartenkultur den Todesstoß.

Durch die künstlerische Untätigkeit der Fachkreise,
durch ihre kulturellen Erfolge, unterstützt durch
das botanische Interesse der Laienwelt, konnte sich
leider der Naturgarten bis in unsere Tage halten.
Dazu kommt, daß immer noch die Gartenfreunde
im allgemeinen auf dem unkünstlerischen Stand-
punkt stehen, in der größten Annäherung an die
Natur die höchsten Leistungen zu erblicken. Außer-
dem erscheint jedem der Garten seiner Kindheit
(Landschaftsschema) als das Ideal aller Gärten.
Endlich ist es das Fehlen guter alter Tradition.

Ernst denkende Fachleute und künstlerisch ge-
schulte Laien erkennen heute den Stilgarten als
alleinberechtigt an. Der Artikel des Herrn Berg-
feld beweist immerhin deutlich, daß die letzten
Ausläufer des naturalistischen Gedankens noch vor-
handen sind.

So schnell seiner Zeit die guten künstlerischen
Traditionen abgeworfen wurden, so langsam werden
diese wertvollen Fäden wieder aufgefunden. Es
bedarf einer gewaltigen Arbeit und ungeheurer
Kraftanstrengung, um die festen Grundlagen künst-
lerischen Schaffens wiederzugewinnen. Wir sind
meilenweit davon entfernt. Beginnen wir endlich
mit Hochdruck an uns zu arbeiten, vor allem an der
künstlerischen Erziehung unseres Nachwuchses, die
von Grund auf einer Umgestaltung bedarf.

Harald Jensen,

Gartenarchitekt und Gewerbelehrer in Düsseldorf.

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