Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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XXIV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

FEBRUAR 1913.

WAHRHAFTE KUNST IST IMMER MODERNE KUNST

VON DR. WALTER GEORGI IN MÜNCHEN

Das Wertvolle und über alle Zeit Erhabene
im Kunstwerk ist die Sprache eines künst-
lerischen Instinktes, der die Geheimnisse des
Lebens erfaßt. Ob er über das Komplizierte
oder das Primitive führt, ist gleichgültig und tritt
völlig hinter der Tatsache des Erlebnisses zu-
rück. Eine Kunst, die solche Werte birgt, ist
unabhängig von der Stunde ihrer Geburt, unab-
hängig von Gegenwart, Vergangenheit und Zu-
kunft. Sie ist modern und klassisch zugleich, sie
ist stets gegenwärtige, mustergültige Kunst. Sie
ist zeitlos, weil sie Unvergängliches darreicht.
Zeitlosigkeit aber schließt den Begriff der Mo-
dernität in sich ein. Wer sein Schaffen den
natürlichen Gesetzen des Lebens dienstbar
macht, erzeugt moderne, zeitlose Kunst. — Die
Kernfrage wird stets auf den Inhalt, niemals
nur auf die Mittel der Wiedergabe gerichtet sein.
Darum gewährt auch der Streit um die, zeitlich
begrenzten, Ausdrucksformen im Vergleich zu
den oft ins Treffen geführten Kräften selten Er-
folg und wenig Befriedigung, da man die seelischen
und kulturellen Faktoren, die die Art der Äuße-
rung bestimmen, übersieht. Mehr Gewinn für
den Einzelnen wie für die Gesamtheit bringt

der Kampf um den Wert des seelisch
Geschauten. Hier wird die Spreu wahrhaft
haft von dem Weizen zu sondern versucht. Eine
Kunst aber, die ohne Einbuße an Überzeugungs-
kraft einen solchen Kampf überdauert, ist zeit-
lose, von der Mode unbeeinflußbare, stets mo-
derne Kunst. Deshalb möge man den Streit um
den Wert der Stilformen, um die Art des künst-
lerischen Ausdrucks des Einst und Jetzt, — der
meist ohne Sinn tobt für den wesentlichen Kern
der Sache, der die echte Kunst aller Zeiten eint,—
bei Seite stellen zu Gunsten eines Strebens, das
einzig und allein auf bleibende Werte in der
Stärke des dargestellten Erlebten sieht.
Hiermit fördern wir das künstlerische Verständnis
und erhalten uns dieFreudeanKunstwerken ver-
gangener Epochen neben demGenuß an der künst-
lerischen Produktion der Gegenwart. — Durch
die Einsicht, daß die unmittelbare Wirkung
aller echten Kunst an kein Zeitalter gebun-
denist und daß diese zeitlose Kunst, wenn auch ihr
Ursprung zeitlich gefesselt ist, immer modern ist,
tilgen wir eine Ehrenschuld, zu der uns das kraft-
volleStreben unddasRingen der wahrhaft künst-
lerischen Naturen aller Zeiten verpflichtet. — G.

1913. II,
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