Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

Page: 239
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1913/0263
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

239

DIE HALLE IM MODERNEN HAUS

Tm ältesten deutschen Wohnhaus ist die Halle der ur-
X sprüngliche Kern und Hauptraum der ganzen Hausan-
lage gewesen. Die übrigen Räume haben sich allmählich
daran angegliedert und die Halle behielt dabei ihre Be-
deutung als Mittel-
punkt des Hauses, auf
den alle Zugänge zu
den verschiedenen
Zimmern und Stock-
werken mündeten. In
diesem Sinne hat sie
sich noch am längsten
in der Diele (oder
dem Fleet) des nie-
derdeutschen Bürger-
hauses erhalten. Im
übrigen ist sie mit
der Zeit immermehr
zum Hausflur zusam-
mengeschrumpft. In
den Etagenwohnun-
gen der Miethäuser
mußte sie von selbst
verschwinden. Inden
reicheren Wohnhäu-
sern und in den Villen
hat die neuere Zeit
die Halle ebenfalls
weggelassen und statt
dessen auch hier im
Sinn der italienischen
Palast - Architektur
weiträumige Trep-
penhäuser mit mehr
oder weniger prunk-
voller Ausstattung ge-
schaffen. Die Halle
in ihrem ursprüng-
lichen Sinne als zen-
traler Wohnraum
mit der Haupt-
treppe ist bei uns
erst mit dem Einfluß
des englischen Ein-
familienhauses wieder
eingeführt worden.
Der nächste Grund
lag wohl in der vor-
teilhafteren Ausnut-
zung des gesamten
Hausraumes. Das
Treppenvestibül fällt
weg; der damit ge-
sparte Platz wird dem
Wohnraum zuge-
schlagen. Überhaupt
erleichtert aber die
Anlage einerHalle die
für das Einfamilien-
haus zweckmäßigste
Form der Raumein-
teilung: die Konzen-

FACHKLASSE PROF. JOSEF WACKERLE. ENTW. U. AUSF.: BLAZEK. KAMIN PLATTE

tration auf einen Mittelraum, durch den die Umwege zu
den übrigen Zimmern des Hauses möglichst vermieden
werden. Auch in den Garten läßt sich von der Halle aus
bequem ein unmittelbarer Zugang herstellen. —Im übrigen
ist das Urteil über die zweckmäßigste Gestaltung der
Hallenanlage in einem modernen Wohnhaus noch nicht

abgeschlossen. Ihrer
Bestimmung nach
wird die Halle eine
Art Mittelding
zwischen Familien-
raum und Gesell-
schaftsraum dar-
stellen: im allgemei-
nen wohl mit Über-
wiegen der zweiten
Aufgabe. Dement-
sprechend wird man
sie auch ausstatten.
Ein großer Kamin
mit behaglichen Sitz-
plätzen bildet den na-
türlichen Mittelpunkt
desRaums. Besonders
geeignet erscheint die
Halle darum auch für
die Aufstellung von
größeren Kunstwer-
ken: Bildern, Plasti-
ken, auch von kost-
baren Möbeln und
dergl. — Die Haupt-
frage bildet aber die
Treppe. DerSchwie-
rigkeit, einen Raum
mit einer großen
, Treppe wohnlich zu
machen, hat man auf
verschiedene Weise
abzuhelfen gesucht.
Anfangs hat man die
Treppe möglichst
prunkvoll gemacht.
Später ist man im Ge-
genteil dazu gekom-
men, dieTreppe mehr
in den Hintergrund
zu rücken und sie
auch in der Form so
unauffällig als möglich
zu behandeln. Aber
ein störender Um-
stand bleibt auf alle
Fälle unvermeidlich:
das Personal ist viel
häufiger gezwungen,
den Wohnraum zu
passieren.als wenn die
Haupttreppe auf einen
Korridor führt. Des-
halb hat man in neue-
ster Zeit angefangen,
die Treppe wieder
aus der Halle heraus-
loading ...