Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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XXIV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

MAI 1913.

KÜNSTLERISCHE KULTUR UND NATIONALE ERZIEHUNG

VON PROFESSOR DR. A. PABST-LEIPZIG

Die moderne kunstgewerbliche Bewegung spielt
sich im weitgespannten Rahmen der Kultur-
geschichte unserer Zeit ab und hängt aufs engste
mit der Summe geistiger Strömungen zusammen,
die das Kulturleben jedes Volkes charakterisieren.
Sie ist ihrem innersten Wesen nach national und
äußert sich deshalb bei verschiedenen Völkern
in verschiedener Weise. Der Weg, auf dem sie
die Kulturvölker nacheinander erreicht hat, ist
ohne weiteres zu übersehen; aber die Entwicklung
hat sich nicht so abgespielt, daß in ihrem Ver-
laufe das eine oder das andere der Völker die
Führung auf die Dauer hätte behaupten können.
Denn eine Entwicklung, die ihrem Wesen nach
national ist, verträgt keine Führung von auswärts;
sie muß ihre eignen Wege gehen, die dem Wesen
des Volkes, seinen Anlagen und seinem Charakter
entsprechen. — Zur Zeit seiner glänzenden po-
litischen Machtstellung während der Regierung
des Sonnenkönigs hatte Frankreich die Füh-
rung auf dem Gebiete der Kunst und des Kunst-
handwerks übernommen. Demgegenüber hat da-
mals nur E n g 1 a n d kraftvoll seine Eigenart bewahrt.
Und von England ist auch die moderne Bewe-
gung ausgegangen, die das deutsche Volk nunmehr

so mächtig ergriffen hat; gestützt zunächst auf
Gottfried Semper, der insofern eine verbindende
Stellung einnimmt, als er beiden Ländern, Eng-
land und Deutschland, angehörte. Auch in der
deutschen Bewegung hat sich die nationale Eigen-
art bald durchgesetzt. Das Nationale aber ist
ein Reichtum, den sich ein Volk erwirbt und den
es nicht aufgeben kann, ohne sich selbst aufzu-
geben. Das ist ein den Moralgesetzen nahe ver-
wandtes Gesetz, ein Gesetz, das uns die Wahr-
haftigkeit und Ehrlichkeit zur Tugend macht
und alle Unehrlichkeit und den bloßen Schein ver-
bannt. Die Bedingungen zur Produktion gedie-
gener Qualitätsarbeit sind darin enthalten und
man kann in diesem Sinne sehr wohl von einem
»Patriotismus« in der Kunst und im Kunsthand-
werk sprechen, etwa wie ihn der Engländer Voysey
verkündet. Das Gleiche gilt von der Erziehung,
von der wir ebenfalls zuerst und vor allem ver-
langen, daß sie national sei. Als vor hundert
Jahren das deutsche Volk unter dem Joche der
Fremdherrschaft stand, da sahen seine besten
Männer, wie Fichte, Stein, Arndt, Jahn u. a. seine
nationale Wiedergeburt als die Vorbedingung
seiner Rettung an; sie waren davon überzeugt,

1913. V. 1.
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