Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT FERDINAND GÖTZ — MÜNCHEN. BÜHNENBILD ZU D. »FÜNF FRANKFURTERN«

ARCHAISMUS UND ENTWICKLUNG

Archaismus wäre Selbstbetrug. Mit ihm haben sich
JTx. die Völker nur immer ihre schöpferische Ohnmacht
bestätigt. Wer durch Rückkehr zu einer Vergangenheit
den Ausdruck seiner Gegenwart sucht, deckt damit bloß
deren Kehrseite auf: ihre falsche Sehnsucht, ihren ver-
lorenen Stolz, ihren Mangel an Halt, Selbstvertrauen,
Zeitbewußtsein Und doch ist der Hebel gerade der ge-
waltigsten Kunstzeiten die gründliche Wiederanknüp-
fung, die Belebung von Totem, aber auch die Aufnahme
von Fremdem gewesen. Jener äußersten Unfrucht-

barkeit, die hinter allem Archaistischen herzieht,
steht eine äußerste Fruchtbarkeit gegenüber, die
aus Traditionen erwächst, deren Elemente nur nicht
starr, sondern fließend in die Entwicklung eingefügt
werden. Alle Geburt ist in Wirklichkeit nicht Wieder-
geburt, sondern Weitergeburt, ist Entwicklung, ver-
ändert in ihren bereits dagewesenen Formen um den
Ausdruck einer noch nie dagewesenen Zeit . . . Ob wir
uns einer Überlieferung unterwerfen, oder ob wir sie be-
herrschen, ob wir sie rein formal aufnehmen, oder
schöpferisch empfangen und umbildend weitergeben:
davon hängt ab, ob Unkunst oder Kunst entsteht. — Nicht

ARCHIT. FERDINAND GÖTZ-MÜNCHEN. BÜHNENBILD ZU HELLER-RÖSSLERS »CLUBSESSEL«. MÜNCHNER SCHAUSPIELHAUS
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