Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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XXIV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

APRIL 1913.

DIE AUFGABE DES MODERNEN WOHNHAUS-ERBAUERS

neuschöpfung und erhaltung - die echte synthese

C^anz befriedigt durch den Eindruck eines Kunst-
J werkes sind wir nur dann, wenn es etwas
hinterläßt, das wir bei allem Nachdenken nicht
bis zur Deutlichkeit eines Begriffs herabziehen
können.« Dieses feine Wort Schopenhauers, das
die überragende Höhe des Künstlerischen über
dem nur Vernünftigen so klar präzisiert, gilt
nicht nur für die hohe Kunst, sondern für alles
eine künstlerische Einheit und Beseelung Erstre-
bende, so auch für unsere großzügig erstarkende
Wohnkultur. — Der Architekt, der nur die Ver-
nunft als Göttin anerkennt, — dem echte Kunst
in ihrer lebensvollen Tiefe ein noch Unerlebtes
und die Musik der Großen, jene höchste archi-
tektonische Form mit tiefstem Gehalt, ein Rätsel
sein muß, — ist nicht geschaffen zum Wohnhaus-
Erbauer; von ihm, der dem Herzen der schöp-
ferischen Natur zu ferne ist, können keine leben-
digen Ströme ausgehen, die dem Volke Erfüllung
bieten. Industrie und Technik bedürfen zur
Verkörperung ihrer starren, sich verhundert-
fachenden Macht solcher Kräfte, unsere Wohn-
kultur aber fordert noch anderes. — Der wahr-
hafte Architekt steht heute vor der größten Auf-
gabe unserer Periode: Er arbeitet mit an der

großen Synthese unserer Zeit, an der großen
Integrierung der wieder eine Einheit erstreben-
den, noch zusammenhanglosen Werte, an der
Zusammenfassung aller zum lebendig-schönen
Organismus. Darum ist der Wohnhaus-Archi-
tekt nicht nur Neuschöpfer und Sucher
der neuen Form, nicht nur ein mit hartem Zu-
kunftswillen Begabter, sondern notwendig auch
ein starker Ordner und liebevoller Erhalter und
Ausbauer des bestehenden Schönen. Nicht
nur das Streben nach Erzielung höchster Lei-
stung und stärksten Form-Willen fordern wir
vom Wohnhaus-Erbauer, sondern auch intuitive
Begabung. Er sei ein Seher, der in Wohnung
und Geräte mehr zu sehen vermag als den un-
mittelbaren Gebrauchszweck, ein Liebender,
der ein hohes zukünftiges Ideal sozialen Lebens!
wie die tieferen Bedürfnisse der Menschen der
Jetzt-Zeit und jedes einzelnen Auftraggebers zu
erschauen und zur reinsten Form zu verdichten
vermag. — »Die Stunden, die wir in Schönheit
leben, sind die einzigen, in denen wir wirklich
leben.« Nur vollwertige Menschen und Künstler
aber vermögen uns in ihren Schöpfungen solche
wahrhafte »Erbauung« zu bieten. — lang-danoli.

1913. IV. 1.
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