Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT. PROF. W. LOSSOW & M. H. KÜHNE —DRESDEN

WINTERGARTEN IM SCHLOSS PROSCHWITZ. GRAF Z. LIPPE

Wollen, Fühlen und Denken zu dieser hinstrebt, genügt
ihm weder die natürliche noch die technische Um-
welt, sondern verlangt er eine Umwelt, die mit der Tota-
lität seines Wesens harmoniert. So baut ersieh,
wie sich Friedrich Theodor Vischer ausdrückt, »über dem
Erdgeschoß des Naturlebens die Bel-Etage der Kultur
auf«, und der lebhafteste Ausdruck seines Kulturgefühls
ist die Kunst. — Natürlich muß die Kraft vorhanden
sein, in freischöpferischer Gestaltung über die technische
Schönheit hinauszugehen. Wo diese Kraft nicht vor-
handen ist, sollte man lieber auf alle Kunst verzichten
und sich mit der technischen Schönheit begnügen. — Wo
die Kunst sich eines Dinges bemächtigt hat, da darf sie
sich nicht damit begnügen, der technischen Schönheit
einige künstlerische Einzelheiten »aufzuheften«, sondern
darf sie nicht ruhen, bis sie die ganze technische in
künstlerische Schönheit verwandelt hat. Die
Bauwerke erhalten dann, auch wenn sie auf denselben
technischen Grundlagen beruhen, gegenüber dem strengen
Ausdruck des rein Konstruktiven etwas Weicheres und
Anschmiegendes, wodurch viele unserer modernen Mei-
sterwerke ihre charakteristische Eigenart erhalten. —

Aus ein. Vortrag v. Dr. Joh. Ree — Nürnberg i. Polytechn. Ver. München.

I \arau f kommt alles an: willst Du in die Stadt
oben auf dem Berge, oder willst Du nur in
die Stadt unten im Tal! • ■ • karl Hauptmann.

ZWECK-FORM UND KUNST-FORM

Einem Volk wie dem deutschen, das jährlich 2 Milliarden
für das Rohmaterial seiner gewerblichen Produktion
ins Ausland trägt, darf und kann es auf die Dauer nicht
gleichgiltig sein, was es aus diesen Werken schafft, und
seine Intelligenz muß es notgedrungen mehr und mehr der
Qualitätsarbeit zuführen. — Das Betonen des Gebrauchs-
zwecks, der gute und klare Aufbau, das Herausholen der
Schönheit des Materials, die Qualität der technischen Aus-
führung, sind die unerläßlichen Voraussetzungen neuer
gewerblicher Arbeit. Dem Handwerk ist gute Arbeit
und zweckmäßige Form das oberste Bildungsgesetz. Dem
Gegenstand, der klar und unverschleiert seinen Zweck
ausdrückt, gesundes Material bei technisch meisterhafter
Arbeit zeigt, wird es stets gelingen, in uns das Gefühl des
Wohlgefallens zu erregen. Dem Kunstgewerbe aber
gebührt ein weiteres Feld. Das Bedürfnis, das zu
allen Zeiten dem Menschen eigen war, gewisse Gegen-
stände über die einfache Notwendigkeit hinaus besitzens-
wert zu machen, führt von der Zweckform zur Kunst-
form. Jene kann uns nicht das Letzte und Höchste
bedeuten. — Die künstlerische Phantasie erst ver-
leiht dem Material die organische Belebung und macht
so aus dem Gegenstand, der in seinen Grundformen
den Zweck erfüllt, das begehrenswerte K unstwerk.

prof, h. eberhardt-offenbach in einer eröffnungsrede.
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