Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 24.1913

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT EMANUEL JOSEF MARGOLD ~ DARMSTADT. MODESALON O. STECKNER —LEIPZIG. WÄNDE SCHWARZ, WEISS, GRÜN

ETWAS ÜBER
STIL-BILDUNG

C eitdem uns derZweck-
^ stil den Blick für das
Zwecknotwendige
geschärft hat, sehen wir,
in welchem Umfange an
den historischen Stil-
gebilden, auch stil-
strenger Zeiten, Ele-
mente zu konstatieren
sind, die nicht auf eine
bloße Zwecknotwendig-
keit zu reduzieren sind,
sondern eher eine Uber-
windung des mate-
riellen Zwecks, ein
Leichtmachen darstellen.
Dabei sind die Elemente
aber auch keine bloßen
banalen »Schmuckfor-
men«, sondern sie sind
wieder in einemhöhe-
ren Sinne »organisch«
notwendig. Und
nach dieser Überwin-
dungdesmateriellen
Zwecks, nach diesem
Leichtmachen sehnen
wir uns. Wir betrachten

EM. MARGOLD. VITRINEN IM MODESALON. AUSF.: G. LEHMANN-LEIPZIG

die Stühle vergangener
Zeiten und sehen, daß
sie durchaus nicht dem
Beschauer, ehe er sich
darauf setzte, laut zu-
schrieen, daß sie schwer
zu tragen haben, und da-
bei sind sie doch Stühle
und stehen mit Selbst-
verständlichkeit da. —
Wir beginnen wieder
ein Gefühl zu erwerben
für die belebende
Kraft, die allem stili-
sierendenBilden zu eigen
ist. Wir sehen, wie die
Säulen der historischen
Zeiten nicht bloß davon
sprechen, daß sie tragen
müssen und dabei so
schrecklich schwer ge-
drückt werden, daß gar
kein Kapitäl mehr übrig
bleibt, sondern wir füh-
len zugleich eine leben-
dige Kraft, die die Last
aufnimmt und leicht zu
tragen weiß, mag sie
nun in gotischem Auf-
schwung unaufhaltsam
hinausstreben, bis sie
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