Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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sie gern leicht mit Aquarellfarbe antuscht oder sie
nach seinen Vorlagen antuschen läßt. Solchen Reiz
kann man dann nur vor den Originalabzügen
empfinden, diesen etwas preziösen Reiz, wie sich
seine saubere, harte Linie mit den ganz leichten
hellen Tuschtönen verbindet, zartrosa, blaßblau,
gelbgrün, rosa-orange, nur so hingewischt, schweben-
der als Pastell. Noch in den meisterhaften kleinen
farbigen Lithographien zu Goethes erotischem „Tage-
buch" von 1810, das vor einiger Zeit in einer
ebenso kostbar wie raffiniert gedruckten Ausgabe
des Münchener Phantasus-Verlages erschien, haben
diese Aquarellfarben, differenziert wie in Cezannes,
von Clot lithographierten Sachen, nicht ganz diese
zauberische Leichtigkeit. Puristen sind natürlich
entsetzt über die Idee, Radierungen „anzustreichen"
und reden vielleicht verächtlich von Biedermeierei.

Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt da-
rauf an, daß hier ein Künstler von vielen Graden
eine neue, wenn auch nur für seine eigene Person
berechnete neue Harmonie gefunden hat. Daumiers
Lithographien anzukolorieren bedeutete allerdings
fast immer eine Barbarei: Daumiers Lithographen-
strich war an sich schon farbig höchst ausdrucks-
reich. Aber wenn Grossmann die Kargheit seiner
geschnittenen Linie mit farbigen Kostbarkeiten über-
stäubt, bleibt sie deshalb nicht weniger linear. Und
das Ganze erhöht die Paradoxie dieser seltsamen
Kunst, die, da sie nun einmal in einer Sphäre von
harmloser Raffiniertheit lebt, am besten tut, ihr
groteskes und phantastisches Teil mit möglichst
reicher, aus Dissonanzen gewonnener Schönheit
auszustaffieren, um dadurch ihre Paradoxien offen
zu zeigen.

RUDOLF GROSSMANN, LITHOGRAPHIE
ZU GOETHES „TAGEBUCH"
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