Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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heit sein muß. Man weiß also auch, was man von dem
anmaßenden Aburteilen über die höchsten Hervorbringungen
des menschlichen Geistes von Leuten, die gar nichts mit
Ernst und Eifer getrieben haben, zu halten hat.

Braucht der Kenner immer auch ausübender Künstler zu
sein? Nein, denn die Anlage hierzu besteht in der Fähig-
keit, sich selbst den ersten Anstoß zu geben, in der ursprüng-
lichen Selbständigkeit und Regsamkeit des Geistes. Der
Kenner braucht nur Empfänglichkeit oder Sinn, Urteil und
die Gabe der Forschung zu haben. Man hat oft einem Be-
urteiler eingewandt: ,,du kannst es ja doch nicht besser
machen"; aber mit Unrecht, denn das ist es ja garnicht
was er behauptet, sondern er sucht bloß die Möglichkeit
im allgemeinen zu zeigen, es besser zu machen. Auf der
andern Seite fragt sich: ob der Künstler immer auch Kenner
zu sein brauche? und dies muß man ebenfalls verneinen.
Das Verhältnis der bewußtlosen und selbstbewußten Tätig-
keit im Geiste des Künstlers kann verschieden sein; zur
höchsten Vollendung wird zwar immer ein Gleichgewicht
zwischen beiden erfordert, doch gibt es Künstler, die von
ihren wahrhaft genialischen Produktionen sehr wenig (sich
und andern) Rechenschaft zu geben imstande sind. Ganz
darf freilich das Urteil nicht fehlen, wenn sie nicht bloß
durch das gute Glück davor bewahrt werden sollen, ins
Exzentrische und Ausschweifende zu geraten. Dies war
denn doch die Forderung, die in der Periode der Kraftgenies
gemacht wurde, das Genie solle völlig blind sein, der kleinste
Grad von Einsicht und Vernunft, glaubte man, tue schon

der Genialität Abbruch. Der Erfolg war auch darnach.--

Aber eigentliche Kennerschaft geht immer auf Universalität

aus, indem sie zur größeren Genauigkeit ihres Maßstabes
alles vergleichbare so viel möglich vollständig zu kennen
sucht: so wird sie von einem Werke auf alle übrigen des-
selben Charakters, derselben Gattung, dann der ganzen Kunst,
welcher jenes angehört, womöglich auch verschiedener Künste
hingeführt, und das Studium des Kenners hat in seinem Um-
fange keine Grenzen. Der ausübende Künstler hingegen
darf einseitig sein und um vieles unbekümmert bleiben; es
ist genug, wenn er seinen Geist mit Energie in einer ein-
zigen bestimmten Richtung bewegt, und eben diese Energie
könnte durch allzugroße Verbreitung geschwächt werden.

Man sieht häufig, daß Menschen, um für Kenner zu gel-
ten, eine große Kälte affektieren; und daß auf der anderen
Seite von Menschen, die sich einem unerzogenen Gefühl
überlassen, der gründliche Kunstbeurteiler ein kalter Kritiker
oder Kunstrichter gescholten wird. Dies ist eine ganz falsche
Vorstellung: was mit dem Gefühl nicht aufgefaßt wird, ist
in dem Kunstwerke für uns nicht vorhanden; Empfänglich-
keit ist also das eine wesentliche Erfordernis zum Kenner
und insofern ist der wärmste Kritiker auch der beste. Der
Anschein von Kälte rührt nur daher, daß die Anlagen, welche
die wilden Ausbrüche des Gefühls in Schranken halten, bei
ihm mehr ausgebildet sind. Das tiefe und ernste Gefühl
hält seine Entzückungen für zu heilig, um sie an gemeinem
Puppentand zu verschwenden, und weil sich die kindischen
Bewunderer von diesem in ihrer Erwartung betrogen finden,
daß sie dabei in oberflächlichen Enthusiasmus auflodern
sollen, so klagen sie dann über Kälte und Härte. Kenner-
schaft und echter Enthusiasmus schließen sich also gar-
nicht aus.

UNSTAUSSTELLUNGEN

MÜNCHEN

München ist eine der wenigen
Städte, in denen der Sommer für Kunst-
ausstellungen nicht stille Zeit ist. Das
merkt man in den Kunstsalons sowie in den Veranstal-
tungen der Künstlergruppen.

Goltz bringt eine Archipenko-Ausstellung, die aus dem
Sturme in Berlin genügend bekannt ist.

Caspary einen in Berlin jetzt weniger gesehenen Bild-
hauer, Wackerle. Wackerle kommt in seinen neuen Arbeiten
scheinbar los vom Kunstgewerblichen im einschränkenden
Sinne. Die Gruppe zweier Knaben in Holz gehört zweifellos
zu dem ganz Guten, was an Holzplastik heute gemacht
wird. Während den früheren Sachen das Porzellanmodell
noch anhaftet, sind diese stillen, uneitlen Dinge, die eine
entfernte Verwandtschaft mit Fioris Arbeiten haben, frei
vom Zweckvollen, offenbar aus innerem Bedürfnis ent-
standen. Sehr viel weniger glücklich ist ein Wandgemälde,
das farbig etwa wie ein unechter Gobelin wirkt.

Die Veranstaltungen der Künstlervereine spielen sich

im Glaspalast ab. Die Neue Sezession hat den Strich
zwischen sich und den übrigen auch in diesem Jahre ener-
gisch gezogen: ihre Ausstellung hat sogar einen besonderen
Eingang. Und dies Abrücken ist verständlich, denn in dem
ganzen übrigen Hause, in dem nicht weniger als vierzehn
Gruppen zusammengesperrt sind, kann man die Bilder an
den Fingern aufzählen, die auch nur Interesse erregen,
während die Ausstellung der Neuen Sezession ein sehr
respektables Niveau hat.

Es ist kaum zu begreifen, daß man von Stuck immer
noch die gleichen Salonzentauren zu sehen bekommt wie
vor fünfzehn Jahren. Habermann wirkt daneben wie ein
Erfinder. Man sieht ganze Wände von Bildern eines Malers,
von dem ein oder zwei Werke genügen würden; ich nenne
Schwalbach, der sicher in München sehr berühmt ist, und
Huether, dem seine bedenkliche Handfertigkeit zum Ver-
hängnis geworden ist; denn die kleinen Porträtköpfe, die
man für Aquarelle halten könnte, verraten, was hätte wer-
den können, wenn nicht alles so verteufelt schnell
ginge.

Diese Bilder hängen bei der Alten Sezession. Von dem,

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