Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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E. MATTHES, IM RESTAURANT. FARBIGE ZEICHNUNG

ERNST MATTHES

EIN ERINNERUNGSBLATT

VON

G. PAULI

T^ver langen Reihe der Künstler, die der Krieg uns ent-
■J—' rissen hat, ist Ernst Matthes als einer der letzten ge-
folgt. Vier Jahre lang war er an den Fronten im Osten
und Westen wie durch ein Wunder verschont geblieben.
Nun traf ihn doch die tötliche Kugel noch auf dem Rück-
zug unserer Armee am 3. November 1918 in Frankreich.
Seine Freunde meinten, er habe sein Schicksal geahnt, als
er ein paar Monate zuvor den letzten Urlaub in der Heimat
verbrachte. Er war stiller als sonst gewesen und schien
überall ein wenig zu zögern, ehe er Abschied nahm.

Wer wie Matthes dem vielgestaltigen Bilde der Kunst
seiner Zeit einen eigenen Zug hinzugefügt hat, wer seines
Amtes so hingebend gewaltet hat, darf nicht vergessen
werden — auch wenn es ihm schon recht gewesen wäre.
Denn er war sich selber ein bis zur Härte strenger Richter.
Seiner Begabung, die ihn und uns lächelnd beschenken
wollte, verbot er das freie Spiel. Jene, ach so sehr deutsche
Eigenschaft, die dem mißtraut, was uns mühelos gelingt,
die nur gelten lassen will, was erkämpft wurde, ihm war
sie in besonderem Maße zu teil geworden. So schien er
selber dem Allermeisten, was er schuf, nur den Wert eines
Beiläufigen oder einer Vorbereitung beizumessen. Er ging

lächelnd darüber hinweg, sprach lieber von anderen Dingen
und verbot es in seinem letzten Willen ausdrücklich, daß
eine Nachlaßausstellung seiner Arbeiten gemacht werde.
Doch war er keineswegs ohne Ehrgeiz. Nur verschmähte
er fast leidenschaftlich einen Erfolg, der nicht durch Mittel
errungen war, die seinen Ansprüchen genügten. Ein solches
Ethos ist — zumal in unserem Zeitalter der Sensation und
zumal in unserem Kunstbetrieb — selten. Nicht eben häufig
ist auch die Einheit der Persönlichkeit des Künstlers und
Menschen in ihrem Werke, in ihrer Gesinnung und in ihrem
Auftreten, wie er sie darstellte. Äußerlich betrachtet erschien
er als einer von denen, die sich mancherlei Gesellschaft
sympathisch einfügen, die es unter allen Umständen ver-
meiden, aufzufallen und die darum vom unaufmerksamen
Beobachter in der Menge leicht übersehen werden. Wer ihm
indessen näher kam, dem konnte ein Lächeln, ein Blick und
ein kurzes Wort genügen, um ein sehr waches Innenleben
erraten zu lassen. Man merkte es bald, daß dieser Schweig-
same ein scharfer Beobachter, ein feinfühliger Künstler und
einer von denen war, die vielerlei Menschen duldsam ver-
stehen. So gewann er wertvolle Männer zu Freunden
und die Gunst der Frauen. Nach gewöhnlicher Schätzung

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