Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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BOTTICELLIS D A N T E - Z E I C H N U N G E N

VON

WILHELM VON BODE

Uberblicken wir die letzte Tätigkeit Botticellis,
etwa vom Tode Lorenzo il Magnificos bis
zum Ableben des Künstlers, der also fast zwei Jahr-
zehnte umfaßt, so gewinnen wir aus den teilweise
nur schwer festzustellenden und datierbaren Werken
dieser Zeit den Eindruck einer vielfach gestörten,
ungleichmäßigen Schaffenskraft, die, durch schwere
äußere und innere Kämpfe und Beeinflussung von
religiösen und moralischen Skrupeln stark beein-
trächtigt und aus ihrer Richtung gedrängt, ver-
geblich zu klaren und einheitlichen Richtlinien für
seine Kunst aus der neuen Auffassung heraus sich
durchzuringen sucht. Gegenüber den vielfach wenig
erfreulichen, zum Teil bestrittenen, nach Art und
Qualität wenig zahlreichen und unter sich sehr
verschiedenartigen Werken dieser Jahre besitzen
wir vom Künstler gerade aus dem Anfang dieser
Zeit eine umfangreiche Schöpfung ganz eigener
Art, die uns einigermaßen entschädigen kann für

den nur bedingten Wert jener Arbeiten, die uns
nicht voll befriedigen. Es sind die Zeichnungen
zu Dantes ,,Göttlicher Komödie", deren große
Mehrzahl sich jetzt im Besitz des Berliner
Kupferstichkabinetts befindet, eine Schöpfung, ein-
zig dastehend, nachdem Michelangelos Illustra-
tionen der „Göttlichen Komödie" verloren ge-
gangen sind. Die Zeichnungen bildeten mit dem
geschriebenen Text zusammen einen umfang-
reichen Folioband, der im Auftrage von Sandros
altem Gönner Lorenzo di Pierfrancesco de' Me-
dici ausgeführt wurde. Jeder Gesang der Dich-
tung ist auf der einen Seite geschrieben, der
gegenüber die Zeichnung steht, die den Inhalt
dieses Gesanges bildlich zur Anschauung bringt.
Das Berliner Museum besitzt achtundachtzig Blätter,
in denen das Purgatorio und Paradiso vollständig
erhalten ist, soweit es Botticelli illustriert hat,
während vom Inferno fünfzehn Blätter fehlen.

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