Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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EDVARD MÜNCH

VON

KARL SCHEFFLER

Die Ausstellung von Bildern Und graphischen
Arbeiten Edvard Münchs bei Paul Cassirer
in Berlin war für den Künstler und für die Ver-
anstalter ein großer Erfolg. Sie war sehr besucht, und
man erinnerte sich in den bekannten Ausstellungs-
räumen früherer Zeiten, als es dort oft Ver-
anstaltungen dieses Gewichts gab, man atmete für
eine Stunde wieder die Luft einer Weltkunst.
Dieses ist es wohl vor allem, was den Erfolg ge-
bracht hat: die Dankbarkeit so lange von der
übrigen Welt Abgeschnittener für den Geistesgruß
aus einem fremden Land. Die unter großen
Schwierigkeiten zusammengebrachte Ausstellung
hätte insofern gewichtiger sein können, als der
norwegische Künstler offenbar nicht das Beste
seiner neueren Produktion gesandt hat, aus Furcht
vor den draußen leicht zu verkennenden politi-
schen Zuständen in Deutschland, abgeschreckt durch
Transport, Zoll- und Versicherungsschwierigkeiten,

und auch vielleicht aus einem gewissen Mangel
an Zutrauen zur deutschen Kaufkraft. Dennoch
ist die Ausstellung wie eine Befreiung begrüßt wor-
den ; es schien, als sei damit eine geistige Blockade
aufgehoben. Die Erleichterung darüber setzte sich
in Interesse an den Arbeiten Münchs um. Anders
ist dieses Interesse nicht ganz zu erklären. Die
letzte große Münch-Ausstellung vor dem Krieg (bei
Fritz Gurlitt) hat nicht entfernt diesen Erfolg gehabt,
obwohl dort die besten Bilder vereinigt waren; und
es ist nicht anzunehmen, daß das Verständnis für
Münch in den letzten Jahren so sehr gewachsen
ist. Vielleicht kommt die großstädtische Volkstüm-
lichkeit des Expressionismus Münch zustatten. Dann
aber mußten die Besucher etwas enttäuscht sein; denn
es zeigt sich, daß Münch in seinen letzten Bildern
den Naturein druck weniger stark überträgt wie früher,
daß er eben jetzt keineswegs im Sinne der Zeitpro-
gramme arbeitet. Es ist vielerlei zusammen gekom-

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