Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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„ENTSCHULDIGEN SIE, DASS ICH TALENT HABE!"

Tm Revolutionskarneval der Zeit, wo fast jeder Künstler sich
bemüht, durch eine sensationelle Charaktermaske aufzu-
fallen, fehlte noch die Gestalt des wirklich 'Begabten, der
von seinem Talent nichts wissen will, der es verachtet und
durch exaktes Sozialgefühl ablösen will. Die Gestalt fehlte,
weil echtes Talent rar ist. Jetzt ist auch diese Lücke gefüllt
worden. Es ist geschehen durch George Grosz, der ein
begabter Karikaturist ist und einen Platz neben Th. Th. Heine
und Gulbransson einnehmen könnte. Er hat im „Kunstblatt"
Notizen veröffentlicht, worin mit erfreulicher Deutlichkeit
und Klarheit Meinungen ausgesprochen werden, die um so

„Trotzdem (Kunst heute eine absolut sekundäre Ange-
legenheit ist) ist Kunst eine Angelegenheit, die von dem,
der sie ausübt, klare Entscheidung verlangt .... Stehst
Du auf Seiten der Ausbeuter oder auf der Seite
der Massen, die diesen Ausbeutern ans Leder
gehen ?"

„Heute ist der Künstler gekauft von dem bcst-zahlendsten
Jobber oder Mäzen."

..Ja, es gibt kunstrevolutionäre Maler, welche sich heute
noch nicht frei gemacht haben von Christus- und Apostel-
darstellungen, heute, wo es revolutionäre Pflicht ist, ver-
doppelte Propaganda zu treiben, um das Weltbild von den
übernatürlichen Kräften, von Gott und den Engeln zu rei-
nigen . . . ."

„Geht in ein Proletarier-Meeting und seht und hört wie
dort die Leute, Menschen wie ihr, über eine winzige Ver-
besserung ihres Lebens diskutieren".

„Begreift, diese Masse ist es, die an der Orga-
nisation der Welt arbeitet! Nicht Ihr! Aber ihr
könnt mitbauen an dieser Organisation . . und lernen, euren
künstlerischen Arbeiten einen Inhalt zu geben, der getragen
ist von den revolutionären Idealen der arbeitenden Menschen."

„Ich strebe an, jedem Menschen verständlich zu sein."

„Meine Arbeiten sind als Trainingsarbeiten zu erkennen
— ein systematisches Arbeiten am Ball — ohne Aus-
blick ins Ewige!

„Der expressionistische Anarchismus muß aufhören."

„So wird auch hier wieder der Kommunismus zur Be-
reicherung und Fortentwicklung der Menschheit, zur wirk-
lichen klassenlosen Kultur führen."

mehr zu einer Glossierung verlocken, als sie mit sophisti-
scher Kühnheit sagen, Was viele andere, weniger konsequent,
denken oder empfinden. Grosz begleitet mit diesen Notizen
seine neuen Großstadtbilder, die absichtsvoll mit Lineal,
Winkel und Zirkel hergestellt und der Göttin der Nüchternheit
geweiht sind. In denen sich aber, trotz aller Mühe, das
Talent nicht verleugnen kann, in denen der exakte Syste-
matiker und Mechanisierer als ein — Romantiker des Anti-
romantischen erscheint. Es folgt hier ein kleines Duett.
Links stehen Zitate aus den Notizen von Grosz, rechts stehen
meine Anmerkungen dazu.

Der Künstler hüte sich, in dieser Weise politisch zu
unterscheiden. Er steht auf keiner Seite und auf allen Seiten,
nicht darüber und nicht darunter, mitten drin und außerhalb.
Die Zweckvollen bedrängen ihn von allen Seiten, und er
kann ohne sie nicht leben; in seinem Innern aber ist er
zweckfrei. Und das macht ihn jedem Programm überlegen.

Wenn es der „best-zahlendste" ist, läßt es sich aushalten.

Corot malte mit seinem Schüler Guillemct an einem
Teich bei Ville dAvray. Corot sagte: „Mein Sohn, male
immer nur, was Du siehst". Nach einiger Zeit betrachtet
Guillemet das Bild seines Lehrers. „Aber Sie sagten mir
eben, ich solle malen was ich sehe." „Gewiß." „Und diese
Nvmphen?" „Ich sehe sie", erwiderte Corot, „siehst Du
sie denn nicht?" Guillemet sagte später: „Ich habe sie
nicht gesehen, und darum bin ich ein Schüler geblieben".

Und macht dann etwas wie die „erneute" von Daumier
daraus — wenn ihr es könnt.

Begreift, ihr braucht nur Talent zu haben, ihr braucht
nur euer Gefühl vom Leben zu verkörpern, und ihr arbeitet
ohne weiteres an der Organisation der Welt! Euch trägt
dabei freilich die Zeit. Aber wehe euch, wenn ihr es allzu
klar seht, wenn ihr Zeitgefühl mit Aktualität verwechselt!

Auf wen die Menschheit hören soll, der darf zu keinem
unmittelbar sprechen.

Und doch ist der Dämon (das Talent) daran beteiligt.
„Es ist gar nicht so leicht, schlechte Bilder zu malen, wenn
man Talent hat."

Er liegt schon im Sterben.

Das ließe sich kürzer ausdrücken. Der Christ (entschul-
digen Sie, Herr Grosz!) betet: Dein Reich komme.

Karl Scheffler.

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