Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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NEUE BUCHER

BESPROCHEN VON KARL SCHEFFLER
PAULA MODER SOHN-BECK ER

Paula Modersohn-Beck er von Gustav Pauli.
„Das neue Buch", Bücher für die Kunst der Gegenwart.
Herausgegeben von Carl Georg Heise, Band I, Verlag Kurt
Wolff, Leipzig 191g.

Paula Modersohn-Becker, Briefe und Tagebuch-
blätter. Herausgegeben und biographisch eingeführt von
S. D. Gallwitz, Verlag Kurt Wolff, München 1920.

In den letzten Jahren ist kaum ein Monat vergangen,
daß unserer Zeitschrift nicht ein Aufsatz über Paula Moder-
sohn-Becker angeboten wurde. Immer war es ein Dithy-
rambus. Diese Beiträge sind abgelehnt worden, weil uns
in allen die Einschätzung grundsätzlich falsch erschien; doch
hatten wir dabei immer das Gefühl den Verherrlichungen
einmal unser nüchterneres Urteil entgegenstellen zu sollen.
Eine Gelegenheit dazu bietet sich jetzt endlich, wo die beiden
oben angezeigten Bücher vorliegen. Das erste Buch enthält
eine Biographie und eine Wertung von Gustav Pauli; das
zweite enthält Briefe und Tagebuchblätter der mit zwei-
unddreißig Jahren schon Gestorbenen. Jenes soll das End-
gültige, die Werke des Künstlers verewigen, dieses das Mo-
mentane, die Worte des Menschen.

Die Aufgabe, die uns zufällt, ist wieder einmal peinlich.
Paula Modersohn-Becker war eine schöne Seele. Aus den
Briefen und Tagebuchblättern spricht ein sympathischer,
lebendiger und ehrfürchtiger Mensch, es spricht daraus ein

Lebensgefühl, wie es sich nur einstellt, wenn der Mensch
fühlt, daß er wächst und etwas wird. Zwar mischt sich in
die Naturlaute hier und da ein wenig Ziererei und eine leise
Hysterie, zwar fehlt der Schreiberin ein fester Standpunkt
dem Leben gegenüber, und es wird bei der tapferen Lebens-
fahrt mit vollen Segeln das Steuer nicht mit so fester Hand
gelenkt, wie es scheint; doch wird das Buch, in dem ein
Leben sich spiegelt, beherrscht von einem wahrhaftigen,
gottesfürchtigen Menschentum, vor dem man mit dem Hut
in der Hand dasteht. Wie gerne möchte man sich unbe-
fangen dieses Eindrucks erfreuen I Aber die Kunstenthu-
siasten erlauben es nicht. Einer Schar von ihnen, vor allem
im westlichen Deutschland, genügt nicht die Wahrheit, wie
sie ist; sie will eine romantisch erhöhte, eine ins Sensatio-
nelle gesteigerte Wahrheit. Das Lebenswerk der Künstlerin
wird künstlich über seine wahre Bedeutung hinausgetrieben,
und die einfache Mädchengestalt wird mit einer hellen, ja
grellen Geniegloriole umgeben. Darum wird es nötig Ein-
schränkungen vorzunehmen. Es wird nötig gegen Paula
Modersohn-Becker in gewisser Weise zu kämpfen (obwohl
sie selbst nie zur Abwehr herausgefordert hat), weil über-
eifrige Freunde ihr und der deutschen Kunst einen schlechten
Dienst leisten.

Gustav Pauli tut sich vor andern Lobrednern der Künst-
lerin durch viele Eigenschaften hervor, die aus seinen sonst

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