Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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WIR UND DIE FRANZOSEN

VON

KARL SCHEFFLER

Unser Verhältnis zu den Franzosen und zur
französischen Kunst macht eine grundsätzliche
Anmerkung nötig.

Diese Zeitschrift ist vor dem Krieg viele Jahre
für die Werke der großen französischen Künstler
des neunzehnten Jahrhunderts, vor allem für die
Werke derer, die man Impressionisten nennt, ein-
getreten. Wir haben in den Arbeiten Manets, Re-
noirs, Cezannes und ihrer Genossen das Höchste
gesehen, was die Malerei unserer Epoche hervor-
gebracht hat; und wir empfinden noch heute so. Mit
uns haben die besten deutschen Künstler in diesen
Persönlichkeiten Vorbilder der modernen Malerei
gesehen, die Museen haben ihre Werke gesammelt,
begabte Kunstschriftsteller haben sie zum Anlaß ge-
nommen, um über das Wesen der modernen Kunst
überhaupt zu denken, kurz, sie sind zu Anregern einer
sehr tief gehenden geistigen Bewegung geworden. In
allen europäischen Ländern fast, am meisten aber in
Deutschland, wo man so inbrünstig dem echten Wert
dient, wenn man ihn einmal erkannt hat.

Dann ist der Krieg gekommen und hat alle
Fäden zeitweise zerrissen. Eben jene Deutschen,
die vorher den Ruhm der französischen Kunst
verbreiteten, haben sich nun um eine sachlichere
und tiefere Auffassung von den Ursachen der
Katastrophe bemüht. Sie haben sich nicht von der
allgemeinen Verhetzung fortreißen lassen, und ha-
ben versucht, Besonnenheit zu bewahren, obwohl
sie ihr Land nicht weniger lieben als die Lauten
und Entrüsteten, obwohl sie nicht weniger um
Sieg oder Niederlage gebangt haben. Selbst als
die Katastrophe kam, als Deutschland nach einem
vierjährigen heldenhaften Ringen, nach einem Krieg,
in dem es nahezu alle Schlachten gewonnen hat,
unterliegen mußte, ist in diesen Kreisen kein Wort
wütenden Hasses gegen Frankreich laut geworden.
Die Verleumdung fremder Kultur, die hämische
Verkleinerung der Nachbarnation, die Politik mit
Hilfe der Lüge: das alles hat im Geiste der Deut-
schen, die die Kunst um ihrer selbst willen lieben,
niemals Platz gefunden.

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