Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 19.1921

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Heutigen in Münch. Ein letzter Saal vereinigt Heckel, Lem-
bruck, Pechstein, Schmidt-Rottluff und Otto Müller. Man
fühlt auch hier, wie die starken Persönlichkeiten in ihrem
Siege über das Artistische den Begriff „Richtung" auf die
Länge der Zeit zuschanden machen.

Es sind, wie es sich bei einem graphischen Kabinett
dieser Ordnung von selbst versteht, nur Drucke von aller-
bester Qualität zur Ausstellung gekommen, Drucke, in denen
die gerade heute wieder so wichtige graphisch-technische
Vollkommenheit auf höchster Höhe steht, Probedrucke,
Handdrucke, Zustandsdrucke, gelegentlich auch Unica und

Seltenheiten, diese aber nur insoweit als sich in ihnen wirk-
lich die Absicht des Künstlers rein ausspricht. Der Kundige
weiß, daß auch auf dem Gebiete der modernen Graphik
das Zusammenbringen einer solchen quasi historischen
Ausstellung schon große Schwierigkeiten macht, weil vieles
vom Wichtigsten schon vom Markt verschwunden ist und
in den öffentlichen Sammlungen auch meist fehlt. Wer
sich diese Ausstellung und die in Bremen in der Kunsthalle
veranstaltete Oktober-Ausstellung „Münch und die Brücke"
genau angesehen hat, ist nicht nur um einen Genuß, sondern
auch um eine historische Belehrung reicher geworden. E.W.

NEUE BUCHER

NEUE FRANZÖSISCHE KUNSTLITERATUR

Von großen, kunsthistorischen Werken ist nicht viel
zu berichten. Die Tafelwerke über die Kathedrale von
Reims, die während des Krieges erschienen, sind inzwischen
auch in Deutschland bekannt geworden. La librairie centrale
des Beaux-Arts, dessen Besitzer gestorben ist, wird von Albert
Levy fortgeführt. Sie bereitet mehrere, schöne Tafelwerke
über islamische Kunst vor. Ihre neue Adresse ist rue de
l'Echelle 2. La librairie francaise 15 Quai de Conti hat eine
neue Serie von Künstlerbiographien begonnen, in denen das
Hauptgewicht auf die ästhetischen Probleme gelegt wird.
Als erster Band erschien ein Tizian von Victor Bäsch. Als
zweiter Band soll ein Band über Poussin von Gabriel
Seailles folgen. Paul Rosenberg 21 rue de la Boetie hat ein
Werk herausgegeben: Courbet selon les caricatures et les
images avec plus de 180 rcproduction en couleurs et en noir
d'apres: Baudelaire, Daumier, Andre Gill, Cham, Bertali,
Quillenbois, Hadol, Nadar, Carjat, Grevin, Le Petit, Ran-
don etc. suivies de lettres ini-dit.es de Courbet (1870—1877) et
d'une Bibliographie. Documents reunis et publies par Charles
Leger. Preface de Theodore Duret. 500 Exemplare ä 125
bezw. 40 Francs. Im gleichen Verlag soll demnächst eine
Mappe mir 25 schwarzen und farbigen Reproduktionen von
Picasso nach Entwürfen für das russische Ballett erscheinen.
Die Zeichnungen sind nicht kubistisch und nicht ingristisch,
sondern durchschnittlich „hübsch".

Als rückständig kann man tadeln, daß jüngeren Künstlern
unter vierzig oder fünfzig Jahren in Frankreich keine Mono-
graphien gewidmet werden. Man kann natürlich auch anderer
Meinung sein, die man besser verschweigt. Ganz wunder-
voll sind die Monographien, die die Cahiers d'aujourd'hui
bei Georges Cres&Cie. 21 rue d'Hautefeuille herausgeben:
Albert Andre, Renoir; Leon Werth, Bonnard; Georges
Besson, Marquet. Preis jeden Bandes 40 Francs. Die von
A. Marty hergestellten Reproduktionen sind ausgezeichnet.
Der Text ist erquickend. Keine theoretisierenden Erörte-
rungen, sondern in frischem, packendem Stil meisterhafte
Schilderungen der Persönlichkeiten.

Gaston Gallimard hat mit Henri Matisse von Marcel
Sembat, Charles Guirin von Tristan Klinger, Leo Albert

Moreau von Roger A.llard eine kleinere Serie von Künstler-
monographien eröffnet, die im Text und in den Abbildungen
sehr brauchbar sind. Mit Stolz sieht der Deutsche, daß das
zuerst abgebildete Gemälde von Matisse aus dem Jahre 1898
sich in Berlin befindet. Erfreulich ist auch, daß der Verlag
in schöner weltbürgerlicher Gesinnung die Bildbeschriftung
in französisch, deutsch und englisch veröffentlicht. Allein
der „Abhub" für dessert, die „Malersfrau" für La femme du
peintre — das wirkt ein wenig komisch.

Für die Kunstbewegung der Zeit ist interessant die Schrift:
Apres le cubisme von Ozenfant und Jeanneret, die in einem
inzwischen wieder verkrachten Verlag erschienen ist. Die
Zeitschriften: L'esprit nouveau, die Paul Dermee seit dem
1. Juli herausgibt und die von F. Fils geleitete „Action"
enthalten viele Beilagen zur neueren Ästhetik, zur Ent-
wicklungsgeschichte der futuristischen, kubistischen und
dadaistischen Strömungen. In diesen Blättern wird ver-
schiedentlich dargelegt, inwiefern diese Bewegungen aus
der Zeitstimmung sich heraus entwickelt haben.

Die führende Zeitschrift großen Stils ist: Les Feuillets
d'art, die in luxuriöser Ausstattung von Louis Vauxcelles
herausgegeben wird. Sie erscheint monatlich. Jedes Heft
kostet 25 Francs. Ein glänzender Mitarbeiterstab und schöne
Reproduktionen scheinen diesem Blatt einen Erfolg zu
sichern.

Louis Vauxcelles gibt in einem andern Verlage noch
eine zweite Monatsschrift heraus: L'amour de l'art, in der
die bildende Kunst hinter Musik, Theater und Literatur zu-
rücktritt. Preis 60 Francs jährlich.

Daneben erscheinen alle früheren Zeitschriften wieder,
teils in erweitertem Umfang, alle zu erhöhtem Preis. Auch
La gazette du bonton ist seit Friedensschluß in der bis-
herigen Form wieder erschienen. Jedes Heft kostet jetzt
20 Francs. Der Erfolg dieser Zeitschrift hat zu einem
Konkurrenzunternehmen ermutigt: Le goüt du jour.

Ein bescheideneres, aber wertvolles Nachrichtenblatt ist:
Le Bulletin de la vie artistique, das Felix Fenion bei Bernheim
Jeune & Cie. herausgibt. Es erscheint halbmonatlich und
kostet 24 Francs jährlich. Otto Grautoff.

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